Krypto wirklich verstehen

Ende 2017 erlebte Bitcoin – und mit ihm die Kryptowährungen – einen regelrechten Hype. Innert weniger Monaten schossen die Preise durch die Decke. Die Euphorie war riesig und rückblickend beurteilt wohl etwas gar wahnwitzig.

Im neuen Jahr hielt dann die Ernüchterung Einzug. Die Marktkapitalisierung aller Kryptowährungen reduzierte sich um über die Hälfte und die Preise stürzten ab. Diese Konsolidierung schien die Krypto-Welt wieder auf den Boden der Realität zurückzuholen und viele hofften, dass dies zu einem solideren Fundament führen wird, auf dem unweigerlich echtes Wissen, mehr Wirklichkeitssinn und ein tieferes Verständnis für Krypto gedeihen muss.

Nach bald sieben Monaten im neuen Jahr scheint jedoch klar: Das breite Interesse an Krypto ist verfolgen. Nicht selten kommt die Frage: «Gibt es diesen Bitcoin überhaupt noch?» Denn für viele scheint die Preisblase ihren tödlichen Nadelstich erlitten zu haben – und auch wenn die Luft noch nicht ganz draussen sei, die nächsten Monate würden schon dafür sorgen, so das allgemeine Ahnung.

Ob der augenscheinlichen schlechten Kurse fühlen sich sodann auch die Gegner von Bitcoin und Co. bestätigt: Natürlich handele es sich bei diesem Krypto-Phänomen um ein Schneeballsystem, Kriminellenwerkzeug und Spekulationshype, weshalb man sich kaum tiefgehend damit zu beschäftigen haben, schlussfolgern die Kritiker. Jüngst äusserte die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich ihre vernichtenden Bedenken: «Die dezentrale Technologie der Kryptowährungen, egal, wie fortgeschritten, ist ein schlechter Ersatz für Geld, das sich auf solide Institutionen stützt.»

Dass die selbsternannten Gralshüter der ökonomischen Theorie zusammen mit anderen Professoren, Politikern und Wirtschaftsgrössen das Phänomen um Bitcoin nicht verstehen, ist verständlich. Wie sollen sie auch, widerspricht es doch Lehrbüchern, Politikgeschehen und Wirtschaftlichkeit. Letztlich tragen deren Reaktionen, Analysen und Schlussfolgerungen allerdings wenig dazu bei, die Krypto-Welt wirklich zu verstehen. Angesichts der Tatsache, dass deren Erwachen ernüchternd sein könnte, wenn sie feststellen müssen, wie die neue Technologie unsere Welt nach und nach erschüttert, tut es not, sich der Sache ohne ideologischen Scheuklappen und intellektuellem Elfenbeinturmgehabe anzunehmen.

In diesem Sinne folgt hier der sachliche Versuch, die eigentliche Innovation, Wesensart und Daseinsberechtigung hinter Krypto nüchtern aufzuzeigen. Nichts eignet sich dazu besser als Bitcoin, die Mutter aller Kryptowährungen.

Eine gewöhnliche Digitalwährung?

Vielfach wird Bitcoin bloss als eine neue Digitalwährung beschrieben, von der Kriminelle, Zocker und Steuerhinterzieher regen Gebrauch machen würden. Da Bitcoin tatsächlich den Wertaustausch über das Internet ermöglicht, wird sie auch als Währung und somit für dunkle Machenschaften verwendet. Doch auch andere Währungen wie der US-Dollar, Euro oder Schweizer Franken können für schmutzige Geschäfte verwendet werden. Aufgrund der Pseudonymität – und nicht Anonymität – von Bitcoin und dessen zunehmenden Bekanntheit eignet sich die Kryptowährung allerdings immer weniger als Kriminellenwerkzeug. Behörden und Fahnder verstehen immer besser, wie einfach es ist, eine jede Bitcoin-Transaktion auf dessen öffentlichen und für jedermann einsehenden Ledger (Datenbank) nachzuvollziehen.

Bitcoin (und letztlich auch einige andere Kryptowährungen) ist jedoch nicht nur eine gewöhnliche Digitalwährung, die wie Apple Pay oder Twint das virtuelle Bezahlen ermöglichen. Hinter Bitcoin steckt mehr: Die Lösung eines uralten technologisch-mathematischen Problems, was neue Vertrauensstrukturen auf der Grundlage von Kryptografie und Mathematik ermöglicht. Bitcoin macht es erstmals in der Geschichte der Menschheit möglich, das Vertrauensproblem von auf menschlichen Beziehungen beruhenden Vertrauensstrukturen zu entschärfen, die inhärent anfällig sind für Vertrauensverlust aus Unvermögen oder Fahrlässigkeit aber auch bewussten Vertrauensmissbrauch.

Das Problem, das Bitcoin zu lösen imstande war, ist die sogenannte «Double-Spend-Problematik». Wie kann sichergestellt werden, dass virtuell keine Bitcoin-Einheiten doppelt ausgeben werden, ohne dass es eine zentrale Datenbank gibt, in der über die gesamte Transaktionshistorie Buch geführt wird. Wie also funktioniert das Bitcoin-Zahlungssystem ohne zentrale Buchhalterinstanz?

Hierfür hat Bitcoin das uralte Problem der byzantischen Generäle auf technologischem Weg gelöst. Die entscheidende Frage, welche das Problem der byzantischen Generäle aufwirft: Wie stellt man sicher, dass mehrere Parteien (Generäle), die räumlich voneinander getrennt sind, zu einem vollständigen Konsens finden können, bevor sie eine gemeinsame geplante Aktion (Angriff) durchführen? Oder anders ausgedrückt: Wie gelangen einzelne, voneinander getrennte Individuen zu einem Konsens über eine sie betreffende Sache?

Das folgende Beispiel veranschaulicht das Problem: Man stelle sich vor, ein General der byzantinischen Armee zu sein, die kurz vor einem Angriff auf eine belagerte Stadt steht. Mit mehreren Truppenverbänden hat die Armee die gegnerische Stadt umzingelt, jede einzelne Truppeneinheit befindet sich allerdings mehrere Kilometer von der jeweils nächsten entfernt und wird durch einen anderen General angeführt. Ein koordinierter Angriff von allen Seiten gleichzeitig würde zum Sieg über die belagerte Stadt führen, doch kommt es zu einem unkoordinierten Angriff, geht der Kampf verloren. Vor der Belagerung haben sich die Generäle darauf geeinigt, im Morgengrauen anzugreifen. Doch wie kann sich ein jeder General sicher sein, dass die anderen kooperieren und zur gleichen Zeit angreifen. Funkgeräte oder Smartphone besitzen sie keine und jegliche Zeichen wie Fackeln oder brennende Pfeile zur Angriffsauslösung könnten durch den Feind erkannt werden. Natürlich bestünde die Möglichkeit, Boten auszusenden, doch kann man sich als General nie sicher sein, ob die Nachricht korrekt angekommen ist oder der Bote nicht gekidnappt wurde und ein Verräter nun die Nachricht überbringt und damit bewusst in die Irre leitet.

Der erste non-zentralisierte Ledger überhaupt

Bis zur Ankunft Bitcoin galt dieses so wichtige Problem gemeinhin als ungelöst. Um die Lösung Bitcoins zu verstehen, stelle man sich nun vor: Die Truppenverbände sind eigentlich Computer eines Netzwerkes und die Generäle stellen Kopien eines Computerprogrammes dar, über welches eine Datenbank läuft. In dieser Datenbank (Ledger) werden mittels kryptografischer Verschlüsselung Transaktionen und deren Erstellungsdatum (Timestamp) festgehalten, so dass eine exakte Transaktionshistorie entsteht. Diese ist auf allen am Netzwerk teilhabenden Computer identisch, das heisst, jeder Computer verfügt über eine exakte Kopie der Datenbank. Wird diese geändert, nimmt jeder Computer im Netzwerk diese Anpassung zeitgleich vor. Sobald also auf einem Ledger eine Veränderung passiert und diese der hinter dem Bitcoin-Code stehende Mathematik nicht widerspricht, werden alle anderen Ledger angepasst. Auf diese Weise ist das Gesamtnetzwerk immer in Übereinstimmung – es herrscht zu jeder Zeit vollständiger Konsens.

Auf diese Weise schuf Bitcoin die erste, non-zentrale Datenbank mit permanentem Konsens, welche die Menschheit je gesehen hat. Über das globale Netzwerk von Bitcoin können Menschen heute Werte austauschen, ohne sich jemals gesehen zu haben. Das heisst: Die unterschiedlichsten Parteien, die in den unterschiedlichsten Gegenden unseres Planeten zuhause sind, können einen Konsens finden, ohne dass es einen Intermediär, eine kontrollierende Drittpartei für die Herstellung von Vertrauen benötigt. Die Teilnehmer des Bitcoin-Netzwerkes können sich sicher sein, dass es innerhalb des Netzwerkes zu keinen «Double-Spend-Attacken» kommt, da diese durch das Netzwerk erkannt und folglich verworfen werden.

Bitcoin ist also nicht bloss eine weitere Digitalwährung, sondern die erste weltweit verteilte non-zentrale Datenbank, auf welcher Werte verbucht und somit getauscht werden können. Hierin besteht dessen Innovation und Daseinsberechtigung. Häufig wird die Ursprungs-Kryptowährung auch als «trustless» beschrieben (vertrauenslos, gemeint ist, dass Bitcoin zur Aufrechterhaltung kein Vertrauen benötigen würde). Bitcoin eliminiert Vertrauen jedoch nicht. Das Lösen des Problems der byzantinischen Generäle jedoch hat es möglich gemacht, potenziell nicht nur einer Entität vertrauen zu müssen, sondern das Vertrauen auf zahlreiche Parteien auszuweiten. Auf diese Weise wird bei Bitcoin kein Vertrauen in einzelne Akteure vorausgesetzt. Die digitalen Bitcoin-Einheiten sind also am ehesten als Anteile an einem Netzwerk zu verstehen, wobei das Vertrauen in andere Menschen durch das Vertrauen in das Netzwerk selber ersetzt wird. Gewiss muss ein solcher Ansatz nicht perfekt sein. Denn auch Bitcoin wird nicht das Allerheilsmittel sein, für das es einige halten. Nichtsdestotrotz handelt es sich um eine wichtige Option, die es bislang nicht gegeben hat. Gerade in unserer heutigen Welt, die immer weniger echte Alternativen bietet, tut eine solche not.

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Dieser Artikel ist in gekürzter Form erstmals bei 10×10 erschienen:

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