Eine Rechtsordnung für den Cyberspace

Wie Bitcoin basiert Ethereum ebenfalls auch auf einer öffentlichen Blockchain und ist daher letztlich nichts anders, als ein Netzwerk von zehntausenden geografisch verteilten Computern, die alle über das Ethereum-Protokoll kommunizieren. Da sich auf Ethereum im Gegensatz zu Bitcoin aber eben beliebige Applikationen programmieren lassen, trifft hier die Analogie eines Weltcomputers noch besser zu. Die Ethereum-Blockchain funktioniert also wie ein Computer. Einer Festplatte eines Computers gleich, speichert die Blockchain alles, was auf dem Ethereum-Weltcomputer passiert.

Der Ethereum-Weltcomputer unterscheidet sich von einem gewöhnlichen Computer jedoch insofern, als dass dieser gemäss seines Programmiercodes laufen muss und aufgrund seiner non-zentralen Struktur nur unter Inkaufnahme extremer Kosten manipuliert werden kann. Gleichzeitig liefert ein solcher Weltcomputer auch eine ungemein hohe Robustheit. Da die Ethereum-Blockchain auf zehntausenden von einzelnen Computern läuft, ergibt sich eine Redundanz. Die Ethereum-«Festplatte» existiert eben nicht nur einmal und an einem Ort, sondern ist über die ganze Welt verteilt. Das Downtime-Risiko ist daher um ein Vielfaches geringer.

Experiment programmierbare Blockchain

Im Zusammenhang mit Ethereum fällt immer wieder der Begriff des «Smart Contract». So wird die Ethereum-Blockchain gemeinhin als jenes Blockchain-Projekt angesehen, welches das Potenzial solcher «intelligenten Verträge» als erstes erkannt und die Idee daher popularisiert hat.

Eine primitive Form von Smart Contracts kennt jedoch bereits die Bitcoin-Blockchain. Im Falle von Bitcoin beschränken sich diese auf die simple Übertragung von Bitcoin-Werteinheiten. Da Ethereum – wie wir gesehen haben – eine programmierbare Blockchain ist, lassen sich die Smart-Contract-Funktionen hier in der Theorie nahezu beliebig erweitern. Neben der Abwicklung von Transaktionen digitaler Werteinheiten sollen mittels eines Smart Contracts auch andere Werttitel wie Anleihen, Aktien und andere (bspw. sogar physische) Eigentumstitel transferiert werden können. Letztlich sollen die unterschiedlichsten Verträge, die unser gesellschaftliches Leben heute ausmachen, in Computercode konvertiert, in Form von Smart Contracts auf der Blockchain gespeichert und durch das Ethereum-Netzwerk in non-zentralisierter Manier ausgeführt werden – so zumindest die Vision, welche sich mit dem Aufkommen Ethereums in den Köpfen von immer mehr Menschen festsetzt. Heute gibt es bereits weiter Smart-Contract-Plattformen, welche dieses Ziel verfolgen (dazu mehr in einem Folgebeitrag).

Die Eleganz eines Smart Contract besteht darin, dass er gemeinhin als digitaler Vertrag verstanden wird, der sich gemäss vordefinierter Parameter selbst exekutiert. Will heissen: Sind die Vertragskonditionen erfüllt, wird der Vertrag entsprechend seines Inhaltes ausgeführt. Hier hilft der Vergleich mit einem Warenautomaten. Man füttert den Warenautomaten mit Geld und erhält im Gegenzug die gewählte Ware. Es bedarf keiner Drittpartei, welche die Ware herausgibt. Die Theorie hinter einem Smart Contract funktioniert ähnlich: Auf Bezahlung mittels eines Smart Contracts erhält man die entsprechende Ware, eine Übertragungsurkunde, einen Führerschein oder sonstiges. Darüber hinaus definiert der Smart Contract nicht nur die Regeln und Sanktionen rund um die Vereinbarung, er setzt diese auch gleich selber durch.

Gas – ein unerlässliche Komponente Ethereums

Natürlich sind es die einzelnen Computer, welche zusammen das Ethereum-Netzwerk ausmachen, die den in einem Smart Contract definierten Programmiercode ausführen. Diese werden auch Ethereum-Clients genannt. Da Ethereum turing-vollständig ist – ein Begriff aus der Informatik – sind die Computer des Ethereum-Netzwerkes imstande, Code beliebiger Komplexität auszuführen. Gleichzeitig hat die Turing-Vollständigkeit aber auch zur Folge, dass ein Smart Contract, bzw. dessen Programmiercode, durch die ausführenden Ethereum-Clients endlos ausgeführt würde. Eine solche Endlosschleife würde die Ethereum-Blockchain allerdings funktionsunfähig machen, da bereits die Ausführung eines einzelnen Smart Contract die gesamten Ressourcen aller im Ethereum-Netzwerk partizipierenden Computer aufbrauchen würde.

Als Lösung kennt Ethereum ein Mechanismus, der es den Ethereum-Clients möglich macht, jeweils die Ausführungslänge eines jeden Smart Contracts zu eruieren, um so Endlosschleifen zu verhindern. Das Stichwort hier: Gas. Jede Ausführung eines Smart Contract kostet eine bestimmte Menge Gas. Hinter jedem Gas-Preis, den es für die Ausführung eines Smart Contracts zu bezahlen gilt, steckt eine gewisse Menge Ether, die Kryptowährung der Ethereum-Blockchain. Wie viel Ether es jeweils kostet, bzw. wie hoch der jeweilige Gas-Preis ist, hängt von der aktuellen Auslastung des Ethereum-Netzwerkes ab. Nicht alle Smart Contracts haben einen gleich hohen Gas-Preis. Je nach Komplexität ist die zu bezahlende Menge Ether kleiner oder grösser.

Im Prinzip ist das Gas von Ethereum mit dem Treibstoff eines Fahrzeuges zu vergleichen. Genauso wie der Treibstoff ein Fahrzeug zum Laufen bringt, sorgt Gas dafür, dass ein Smart Contract ausgeführt wird. Doch wird der Smart Contract dann eben nicht unendlich ausgeführt, sondern nur so lange bis die zur Ausführung benötigte Gas-Menge aufgebraucht ist. So wie ein Auto zum Stillstand kommt, wenn der Treibstofftank leer ist, definiert auch das Ethereum-Gas eine Obergrenze für die Ausführung von Smart Contracts und verhindert so Endlosschleifen. Natürlich kann der Smart Contract immer wieder initiiert werden, hierfür muss bloss wieder die notwendige Menge Ether aufgewendet, sprich bezahlt werden – ähnlich wie bei einem Fahrzeug, das wieder aufgetankt werden kann.

Empfänger der über den Gas-Preis bezahlten Ether sind die Ethereum-Clients, welche für die Ausführung der Smart Contracts verantwortlich sind. Damit sind diejenigen Computer im Ethereum-Netzwerk gemeint, die als Miner fungieren. Basierend auf seinem Komplexitätslevel kostet jeder Smart Contracts ein Mindestausführungspreis. Bietet man allerdings einen höheren Gas-Preis, sind die Chancen auf Verarbeitung und Ausführung des eigenen Smart Contracts grösser, da sich die Ethereum-Clients alias Miner in der Regel nach dem lukrativsten Angebot richten.

Smart Contracts – wozu denn eigentlich?

Wir erinnern uns: Ein Smart Contract ist regel-basierte Software, die unter den im Code festgelegten Umständen automatisch ausgeführt wird. Es handelt sich letztlich um programmierte «Wenn-dann»-Anweisungen. Klingt ziemlich banal. Die Frage sei deshalb erlaubt: Weshalb wird ihnen heute ein derart grosses Potenzial zugeschrieben?

Weil sich die Vertragsdurchsetzung mittels Smart-Contracts automatisieren lässt, verspricht man sich davon in erster Linie gesteigerte Effizienz, die mit einer nachhaltigen Verringerung von Transaktionskosten für Regierungen und Unternehmen einhergehen soll. Heute, wo allerlei Transaktionen durch Compliance und allerlei Regularien politisch aufgeblasen sind, trifft ein derartiges technologische Instrument natürlich den Nerv der Zeit. Interessanterweise wurde die Smart-Contract-Idee bereits in den frühen 1990er-Jahren mit dem Aufkommen des Internets ausgearbeitet, doch scheint sie erst zwanzig Jahre später in der Breite wirklich Anklang zu finden.

Das dürfte daran liegen, dass das Internet heute ein unglaubliches Ausmass angenommen hat. Und obschon das World Wide Web heute allgegenwärtig ist, scheint es noch immer in jenem Naturzustand zu verweilen, wie er seinerzeit von Thomas Hobbes beschrieben worden ist. Geprägt durch den dreissigjährigen Krieg beschrieb der englische Philosoph seine Zeit als eine dem Naturzustand ähnliche. Berühmt ist seine Exklamation des «Bellum omnium contra omnes» – der Kampf aller gegen alle. Laut Hobbes leben die Menschen in konstanter Unsicherheit und können im Naturzustand kaum einer anderen Person vertrauen.

Aller geistesgeschichtlichen Kontroverse rund um die hobbes’schen Gedanken zum Trotz, seine Grundthese scheint intuitiv einzuleuchten: Der Mensch tut sich schwer damit, anderen Menschen zu vertrauen, denn immer wieder – wenn auch sicher nicht deterministisch – werden Menschen durch andere Menschen getäuscht. Ideengeschichtliche wurde zwar immer wieder das Bild des edlen Wilden –, der keiner Fliege etwas zu Leid tun würde – gegen die hobbes’sche Ansicht ins Feld geführt. Doch haben Anthropologen aufgrund neuer Erkenntnisse die romantisierte Vorstellung über den edlen Wilden mittlerweile grösstenteils aufgeben müssen.

Wie verträgt man sich?

Rechtsprofessor Anthony Kronman spricht deshalb heute von «transaktionaler Unsicherheit», die den Naturzustand ausmacht. Eine Person kann zwar ein Versprechen machen, doch muss sie dieses nicht einhalten. Bietet sich die Gelegenheit, kann sie das Versprechen sogar bewusst brechen, um ihren Eigennutz zu fördern. Ein solches Verhalten nennt der Nobelpreisträger Oliver Williamson opportunistisches Verhalten. Ohne das Vertrauen fördernde Mechanismen dürfte derartiges Verhalten – aus gesellschaftlicher Sicht gar Fehlverhalten – nicht unselten auftreten. Es fehlt schichtweg eine bindende Vertrauensgrundlage.

Das Internet spiegelt diese Wirklichkeit aktuell wider. Da das grosse weite Internet der hobbes’schen Beschreibung des Naturzustandes am nächsten kommt, ist opportunistisches Verhalten geläufig. Um diesem beizukommen, wird heute schon versucht, «zwischenmenschliche» Internetinteraktion mit Vertrauensgrundlagen zu untermauern. Etablierte Rechtsgrundsätze, die wir aus der physischen Welt kennen, sollen durch Plattformbereitsteller und den Staat auch im digitalen Bereich durchgesetzt werden.

Da es sich bei der physischen und digitalen Welt jedoch nicht um identische Welten handelt und letztere teils neue Perspektiven erfordert, ist in der Durchsetzung aber noch immer einiges ungeklärt. Zudem ist die Internetgesellschaft die wohl globalste überhaupt, weshalb die in der Theorie des politischen Realismus beschriebene Anarchie der Staatenwelt und ihre Tücken internationaler Rechtsdurchsetzung erst recht zum Tragen kommen. Schliesslich kann Recht oftmals nicht ohne weiteres auf Menschen aus verschiedenen Ländern angewendet werden, da jede geografische Jurisdiktion ihr eigenes Rechtssystem hat. Die Chance, eine Person aus dem Internet (insbesondere, wenn sie anonym ist) vor ein Gericht zu bringen, ist daher eher gering.

Eine andere Vertrauensgrundlage, welche institutionalisierten Rechtstrukturen wohl noch vorausgeht, sind übereinstimmende Moralvorstellungen. So können wir uns in der gegenseitigen Interaktion auf eine gemeinsame Moral verlassen. Diese Art der Vertrauensgrundlage setzt allerdings Homogenität voraus, was sie in ihrer Reichweite begrenzt. Die gleiche Schwierigkeit liegt auch Reputationsmechanismen zugrunde. Im Kontext des Internets ist reputationsbasierte Vertrauensschaffung besonders anfällig, da Pseudonyme wie Email-Adressen oder Benutzernamen anstelle von echten Namen verwendet werden können. Bricht eine Person ihre Versprechen online, kann sie ihr Pseudonym löschen und sich über ein neues Pseudonym wieder einen einwandfreien Leumund verschaffen. Dieses Vorgehen ist auch unter dem englischen Begriff «Whitewashing» bekannt.

Überwindung des digitalen Naturzustandes

Vor dem Hintergrund der beschriebenen Problematik dürfte das Konzept des Smart Contracts einleuchten. Eine auf Algorithmen und Programmcode basierende Rechtsordnung, die «dem Internet» eigen ist und sich selbstständig exekutiert, schafft Vertrauen, wo es bislang keines gibt – auf der Ebene des Internets selbst. Auf der Grundlage öffentlicher Blockchains lassen sich so global glaubwürdige Verpflichtungen und Verträge eingehen, die durch eben diese öffentlichen Blockchains auch zur abschliessenden Vollstreckung gelangen.

Smart Contracts sind zum heutigen Zeitpunkt rechtlich nicht einklagbar. Das ist Vor- und Nachteil zugleich. Der in einem Smart Contract festgehaltene Programmiercode – im übertragenen Sinn also die Vertragsbestimmungen – werden ausserhalb des Gesetzes, ausserhalb der Rechtsprechung und ohne staatlichen Vollzug durchgesetzt. Gerade in Ländern, die über schwache oder unzuverlässige Rechtsinstitutionen verfügen, ist es als grosser Fortschritt zu werten, nicht zwingend auf diese Institutionen angewiesen zu sein.

Die Regelgebundenheit und der eigenständige Vollzug ohne Drittpartei machen Smart Contracts auch zur Herausforderung. Entgegen ihrem Namen sind sie nicht wirklich intelligent, sondern eigentlich dumm. Denn die Algorithmen führen die im Programmcode festgeschriebenen Bedingungen stur gemäss den definierten Parametern aus. Ermessensspielraum gibt es nicht. Insbesondere problematisch wird es dann, wenn ein Smart Contract Programmierfehler enthält – eine Wahrscheinlichkeit die steigt, je komplexer der Vertrag ist. Sogenannte Bugs im Quellcode erlauben es einer sachkundigen Drittperson, den Smart Contract zu ihren Gunsten zu manipulieren. Der Ansatz des «Code is Law», wonach Programmierfehler gewissermassen als Gesetzeslücken betrachtet werden müssen, die legal ausgenützt werden können, scheint in einer sehr dynamisch und fehlbaren Welt wie der unsrigen etwas verkürzt.

Wie damit «richtig »umgegangen werden muss, darüber zerbricht man sich zurzeit noch die Köpfe. Denn immer wiederkehrende Programmierfehler könnten die durch Smart Contracts geschaffene Vertrauensgrundlage auch wieder unterminieren. Genauso ausgehöhlt würde diese neue Rechtsordnung für das Internet aber auch, wenn Smart Contracts rückwirkend aufgrund von Bugs ständig für nicht bindend erklärt würden.

Smart Contracts sind also kein Allerheilsmittel, das konventionelle Gerichte und Juristen allesamt obsolet machen wird. Wofür es den Juristen einmal nicht mehr brauchen könnte, wird es dann den Programmierer benötigen, welcher den Smart Contract zusammen mit dem Laien auf potenzielle Lücken überprüft. Damit Nicht-Fachkundige in dieser Hinsicht nicht völlig verloren sind, werden bereits heute Standardverträge und kombinierbare Musterlösung für Smart Contracts ausgearbeitet, welche die Handhabung derselben vereinfachen sollen.

Eine Kluft zwischen den Welten

Um in unserer komplexen Welt gegenseitiges Vertrauen zu ermöglichen, das wiederum die Voraussetzung für unseren Wohlstand ist, setzen wir auf eine Armee von Wirtschaftsprüfern, Buchhaltern, Treuhändern, Anwälten, Transferagenten, Standesbeamte, Vermögensverwaltern und viele weitere Drittparteien. Ein Smart Contract unterscheidet sich in seiner Funktionsweise grundsätzlich wenig von diesen Funktionen, wie am Beispiel eines Treuhänders ersichtlich:

Wer heute eine Sache verkauft, greift hierfür auf einen zertifizierten Treuhänder als unabhängige Drittperson zurück. Als Bindeglied zwischen den Vertragsparteien sorgt dieser dafür, dass keine der beiden Parteien übervorteilt wird. Möchte eine Person eine Sache verkaufen, hat sie diese Sache zu tokenisieren. Das heisst: Es muss sichergestellt werden, dass die auf diese Sache lautende Besitzurkunde die Form eines echten digitalen Assets hat – auch «Digital Bearer Instrument» genannt. Ist das der Fall, kann diese digitale Besitzurkunde durch den Smart Contract verwaltet werden und von diesem dann an den Käufer weitergegeben werden, wenn dieser die tokenisierte Besitzurkunde mit einer Kryptowährung bezahlt hat. Dass eine der beiden Parteien seine Sache zu früh freigibt und daher leer ausgeht, weil die jeweils andere Partei nicht nachzieht, kann durch den Smart Contract sichergestellt werden.

Kritische Stimmen werfen an dieser Stelle ein: Es müsse darauf vertraut werden, dass die tokenisierte Besitzurkunde tatsächlich die dahinterstehende Sache repräsentiere. Es nütze nichts, wenn digitale Token per Smart Contract getauscht würden, das Haus in der realen Welt den Besitzer aber nicht wechseln würde. Um diese Brücke zwischen der digitalen und der physischen Welt zu schlagen, bedürfe es noch immer einer vertrauenswürdigen Drittpartei. Echte Disintermediation sei daher nicht gegeben, so das Argument.

Diese Problematik wird gemeinhin unter dem Begriff des Orakel-Problems zusammengefasst. Der Name nimmt Bezug auf das Orakel von Delphi, die berühmte Weissagungsstätte des antiken Griechenlands. Im digitalen Kontext ist ein Orakel letztlich ein Datenlieferant. Ein Orakel informiert einen Smart Contract darüber, ob seine Bestimmungen in der physischen Welt tatsächlich ausgeführt worden sind oder liefert Daten, damit der Smart Contract auf diesen Daten basierend «agieren» kann. In der Tat ist die oben geschilderte Problematik nicht von der Hand zu weisen. Doch wie uns der Nirvana-Fehlschluss lehrt, sollte ein Smart Contract nicht mit einer unerreichbaren Idealvorstellung verglichen werden. Die gleiche Herausforderung stellt sich uns nämlich schon heute bei einer auf Papier verfassten oder elektronisch verbrieften Urkunde.

An Lösungen für das Orakel-Problem muss und wird bereits heute gearbeitet. Eine mögliche Entschärfung des Problems ist es, ein Orakel zu dezentralisieren. Ein Smart Contract würde so nicht nur von einer Gegenpartei die relevanten Daten erhalten, sondern von vielen unabhängigen Stellen, wodurch Missbrauch verhindert oder zumindest begrenzt werden kann. Dürften Autos, Häuser und andere Güter dereinst als sogenannte tokenisierte Smart Devices sogar direkt miteinander kommunizieren, würde das Orakel-Problem noch weiter entschärft.

Bei aller berechtigen Kritik an den Smart Contracts von heute gilt es zu beachten: Die Tokenisierung von realen Gütern und die damit einhergehende Verwaltung per Smart Contract kann alleine schon zu einer signifikanten Steigerung der Handelseffizienz führen. Eine weitere Verbesserung stellt die Blockchain-Smart-Contract-Herangehensweise auch in folgender Hinsicht dar: Werden Verträge heute nicht eingehalten oder bewusst manipuliert, ist es für eine Ahndungsstelle schwierig, den ganzen Vertragsvorlauf und die -historie rückwirkend auf der Basis unzweifelhafter Fakten wiederherzustellen. Zu viel kann heute noch im Verbogenen vertuscht werden. Mit einer öffentlichen Blockchain und darauf aufbauenden Smart Contracts ist die nötige Transparenz hergestellt. Bei aus Vertragsbeziehungen resultierenden Unstimmigkeiten und Widersprüchen kann jederzeit auf die Blockchain referenziert werden und diese kann als sichere Faktenlage für eine allfällige Ahnung dienen.

Interessant ist eine Aussage des Public-Choice-Ökonomen Gordon Tullock, die uns diese neue Entwicklung besser verstehen lässt: «Wir neigen dazu zu vergessen, dass es auch bei Vertragsangelegenheiten so etwas wie technologischer Fortschritt gibt. Menschen entdecken stets neue Wege, um Vereinbarungen miteinander zu treffen – eine Tatsache, wovon wir als Menschheit im Laufe der Zeit erheblich profitieren.»

Wir haben die Tendenz, Technologien mit den durch unsere gegenwärtigen Technologien geprägten Augen zu betrachten. Als die Autos herauskamen, waren sie als pferdelose Kutschen bekannt. Irgendwann hat man von einer solchen Beschreibung jedoch abgesehen – der Begriff des Pferdes hat heute nur noch im Wort der Pferdestärke überlebt. Das Auto ist heute so viel mehr als eine Kutsche. Auch Smart Contracts beurteilen wir heute aus der Optik gegenwärtiger Verträge. Vielleicht aber sind erstere überhaupt keine Verträge im heute geläufigen Sinn, sondern etwas Anderes, Neues, wofür wir noch einen passenden Begriff werden finden müssen. Die Zeit wird es zeigen.

Sollte Bürokratie überhaupt optimiert sein?

Ganz allgemein sind Smart Contracts sind also letztlich als eine weitere technische Institution zu sehen, die innerhalb des von Menschen geschaffenen komplexen Institutionengeflecht namens Rechtssystem möglicherweise Transaktionskosten verringern kann, indem gewisse Intermediäre ausgeschaltet werden. Welche und wie viele dieser Mittelsmänner dereinst überflüssig sein werden, ist zum heutigen Zeitpunkt noch kaum absehbar. In jenen Bereichen, die keinen Ermessensspielraum zulassen, wie beispielsweise bei der Ausstellung eines Reisepasses oder einer Baubewilligung, können Smart Contracts einmal Einzug halten. Viele halten deshalb staatlichen Bürokratien für ein optimales Anwendungsfeld.

Schon Max Weber wusste: Bürokratien sind aufgrund ihrer sturen Regelgebundenheit in einem wirtschaftlichen Sinn notgedrungen ineffizient. Ihre Arbeitsweise ist mechanistisch und daher entmenschlichend. Da die Bürokratien aktuell regelrecht wuchert und in allerlei vormals unberührte Gesellschaftsbereiche vorgedrungen ist, wiegt deren entmenschlichendes Antlitz heute besonders schwer und lässt die Menschen über sie fluchen. In gewissen Kreisen werden Smart Contracts daher als willkommene Abhilfe zur Effizienzsteigerung von Bürokratien angesehen werden, da vor allem der menschliche Faktor gesenkt und durch Algorithmen ersetzten werden kann.

Doch gilt es zu bedenken: Die Bürokratie ist letztlich die Verwaltungsapparatur eines Zwangsapparates – des Staates nämlich. Bürokratie stellt immer Angebote, die man nicht ablehnen kann. In der Interaktion mit der Bürokratie ist man als Bürger stets darauf angewiesen, dass Beamte in einem Härtefall Gnade vor Recht walten lassen. Ist der menschliche Faktor jedoch aus der Bürokratie verbannt und durch Algorithmen ersetzt, ist weniger Ermessensspielraum und Einzelfallgerechtigkeit dafür aber mehr staatliche Allmacht und Hartherzigkeit die zwingende Folge.

Smart Contracts werden wohl dort echte Verbesserung bringen, wo ihnen die Härte genommen wird, weil keine Existenzen unfreiwillig an ihre Ausführung gebunden sind. Dienen sie dem Staat jedoch zur effizienteren Verwaltung seiner Bürger, dürfte die staatliche Anwendung dieser neuen Technologie noch so von mancher Person dereinst infrage gestellt werden.

Ein Upgrade für das Internet

Wie kaum eine andere technologische Entwicklung hat jene des Internets unsere vergangenen Jahrzehnte geprägt. Ob im Privat- oder Arbeitsleben, für die Mehrheit aller Menschen ist das «World Wide Web» heute nicht mehr wegzudenken. Es ist zu einer Notwendigkeit geworden, ohne die wohl die wenigsten noch auskommen könnten. Indem das Internet es möglich gemacht hat, dass einzelne rund um den Globus verteilte Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen und teils sogar mit entgegengesetzten Moralvorstellungen und Weltanschauungen in (anonyme) Interaktion treten können, hat diese institutionelle Technologie die soziale Skalierbarkeit von uns als Menschheit unheimlich befördert.

Es wäre gelogen, im grossen weiten Cyberspace mit all seinen Möglichkeiten keine bewundernswerte Befähigungsmaschinerie zu sehen. Nichtdestotrotz scheint sich ein Schönheitsfehler dieser institutionell befähigenden Kraft immer mehr zu offenbaren: In seiner gegenwärtigen Struktur ist dem Internet eine Zentralisierungstendenz inhärent. Für das heutige Arbeits- und Privatleben essenziell gewordene Bereiche innerhalb des Cyberspace sind durch quasi-monopolitische Angebot beherrscht: ob in der Online-Kommunikation, dem Cloud-Computing, den Suchmaschinendienstleistungen, dem Web-Marketing oder Internet-Infrastrukturbetreiber – das Rad der Zentralisierung dreht sich immer weiter.

Dabei war die Vision für das Internet eine andere. Ganz am Anfang handelte es sich um ein Projekt des US-Verteidigungsministerium. Es sollte ein Kommunikationsnetzwerk für Computerdaten etabliert werden, das gegen unvorhersehbare Ereignisse wie Naturkatastrophen oder Krieg immun sein sollte. Deshalb wurde auf geografische Dezentralisierung gesetzt, um bei einem Ausfall eines Teils des Systems der Rest noch funktionieren würde. Zur Kommunikation bediente man sich der Peer-to-Peer-Netzwerkverbindung. So konnte ein jeder Computer mit einem andere innerhalb des Netzwerkes kommunizieren, ohne von einem einzigen Computer abhängig zu sein. Neben der militärischen Anwendung nutze auch die akademische Welt diese neue technologische Kommunikationsmöglichkeit zum Austausch wissenschaftlicher Informationen.

Durch diese beiden anfänglichen Anwendungsfälle inspiriert, nahm die Entfaltung und die damit einhergehende Kommerzialisierung des Internets, wie wir es heute kennen, seinen Lauf. Tech-Freaks und Informatiker – der berühmteste davon ist wohl Tim-Berners-Lee als Erfinder des World Wide Web – sowie später auch Investoren waren von dieser dezentralen und potenziell weltumspannenden Technologie begeistert und begannen sich für diese neue Zukunft ins Zeug zu legen. Ebenfalls Interesse weckte dieses neue Phänomen bei Freiheitsaktivisten, welche sich vor allem auf dem Gebiet der Kryptografie auskannten. Diese gründeten in den 1990er-Jahren die Cypherpunk-Bewegung. Deren Ziel: Das Internet als Werkzeug gegen fortschreitenden Freiheitseinschränkungen durch Staat und Grossunternehmen zu nutzen.

Zentralisierung war vorprogrammiert

Während sich die Cypherpunks mittels VPN-Server und Tor-Browser ein Refugium namens Darkweb haben schaffen können, wo Dezentralität und Anonymität noch Bestand haben, ist der Grossteil des Webs heute in zentralistischer Hand. Interessanterweise lässt sich in der Retrospektive ziemlich genau nachzeichnen, wie und warum das Internet zu stetiger Zentralisierung verdammt war.

Unserem heutigen Internet liegen mehrere grundlegende Protokolle zugrunde. Diese sorgen dafür, dass die einzelnen Computer und Server miteinander kommunizieren können. Zu vergleichen ist ein Internet-Protokoll mit einer Sprache. So wie diese uns Menschen zur Kommunikation befähigt, sorgen die Protokolle des Internet für den geregelten Datenaustausch von Rechnern auf der ganzen Welt. Beispiele sind TCP/IP, das Protokoll, welches das gesamte Internet betreibt, SMTP zum Empfang und Versenden von Emails sowie VoIP, das für Dienste wie Skype und Telefonnetze verwendet wird.

Ohne diese Protokolle läuft nichts. Ganz grundsätzlich sind diese Internetprotokolle öffentlich und für jedermann zugänglich. Eine jede Person hat die Möglichkeit, darauf aufbauend weitere Protokolle oder Applikationen zu errichten. Die meisten dieser Grundlagenprotokolle, welche das Internet von heute bilden, liessen sich jedoch nicht direkt monetarisieren. Gründer und Entwickler dieser Protokolle gingen daher oft leer aus. Und auch gemeinnützige Organisationen, welche sie für allgemein zugängliche Zusatzprotokolle und Applikationen einsetzten, um die dezentrale und offene Struktur des Internets aufrechtzuerhalten, vermochten die immense Wertschöpfung nicht einfangen. Diese wurde stattdessen von privaten Unternehmen abgeschöpft, welche sich einfacher finanzieren, besser organisieren und daher schneller skalieren konnten. Dies führte zu schnellerem Wachstum, was wiederum zu höheren Investitionen und Erträgen führte, die dann in die Produktentwicklung und weiteres Wachstum zurückflossen.

Aus diesem Trend heraus entwickelte sich sodann die Idee von « einer Webplattform als Geschäftsmodell». Die privaten Unternehmen entdeckten allmählich, dass das Öl dieser neuen Internetwelt die Nutzerdaten darstellen. Um möglichst viele dieser Daten zu generieren, schufen die privaten Unternehmen ihre eigenen Netzwerke und achtete sorgfältig darauf, die Nutzer mit unterschiedlichen Angeboten innerhalb des eigenen Systems zu halten, um fortlaufend wertvolle Daten zu generieren. Innovation und Fortschritt begrenzten sich vorwiegend auf die einzelnen Plattformen und schufen so im Zuge sich selbstverstärkender Netzwerkeffekte die digitalen «Walled Gardens» von heute.

Die grundlegende Problematik der heutigen Internetstruktur besteht letztlich darin, dass Daten- und Wertschöpfungsmanagement weder auf Protokoll- noch auf Applikationsebene durch die Internetnutzer direkt betrieben werden können. Das Internet in seiner gegenwärtig dominanten Konstruktion kennt keine autonomen Eigentumsmöglichkeiten. Einzelnen Internetnutzern ist es nicht möglich, selbständiger Eigentümer über die eigenen Daten zu sein. Erst eine proprietäre Plattform ermöglicht es Nutzern, Daten zu besitzen – ohne aber alleiniges Eigentum an den Daten zu haben. Aufgrund dieser fehlenden Anreiz- und Eigentumsstrukturen dreht das Schwungrad heute immer weiter zugunsten der geschlossenen Plattformökonomien.

Denn letztlich bieten Facebook und Co. unschätzbaren Dienstleistungen. Es kommt nicht von ungefähr, dass diese Unternehmen hunderte Milliarden schwer sind. Doch so wie das Internet heute existiert und aufgebaut ist, erfordert der Komfort und Nutzen, den die Techgiganten liefern, einen Kompromiss: Durch das Verwenden ihrer Dienste geben wir unsere Daten, Privatsphäre und Sicherheit an das jeweilige Unternehmen weiter. Wir schaffen so mit wertvollen Daten gespeiste Honigtöpfe, die zu beliebten Hackerangriffszielen werden. Vertrauenswürdige Drittparteien sind Sicherheitslücken.

Auch sorgt auch die zunehmende Zensur vonseiten der sozialen Medienplattformen für wachsendes Entsetzen. Viele sehen darin einen Frontalangriff auf die Meinungs- und Redefreiheit. Obschon das Zensurieren von gewissen Inhalten dem Ethos einer offenen Gesellschaft nicht entspricht und ihr wohl schadet, darf in der Debatte nicht vergessen gehen: Privaten Unternehmen steht es frei, über die Inhalte ihrer Plattformen zu entscheiden. Immerhin ist die Teilhabe an diesen Plattformen freiwillig. Es lässt sich daher kaum eine Verpflichtung der Betreiber ableiten, jede Information gleich bereitwillig zu verbreiten. Nichtsdestotrotz zeigen die Diskussionen rund um Facebook und Twitter auf: Ganz grundsätzlich liegt etwas im Argen, wenn ein paar wenige zentralistisch organisierte Plattformen den Diskurs in unserer aufgeblähten Medienblase kontrollieren.

Ohne interneteigenes Eigentum dürfte der Trend zur Zentralisierung, Machtballung und Vermögenskonzentration in der digitalen Welt nicht gebrochen werden. Das wohl beste Beispiel sind Startup-Vorzeigeunternehmen wie Uber oder Airbnb. Wie kein anderes Jungunternehmen haben sie den Begriff der viel gepriesenen Sharing-Ökonomie geprägt. Doch bald ein Jahrzehnt nach deren Gründung ist die Euphorie bei vielen ideologisch motivierten Frühnutzern verflogen. Die eigentliche «Sharing Economy» haben diese Disruptoren nicht gebracht. So haben vor allem Investoren von den astronomisch hohen Bewertungen finanziell profitieren, während die Nutzer und die im Dienste der App-Unternehmen arbeitenden Personen kaum finanziellen Anteil am grossen Erfolg haben.

Mit der Blockchain-Revolution soll sich dies nun ändern. Wenn auch die Vermögensverteilung zahlreicher Krypto-Projekte noch sehr unausgeglichen ist, dürfte sich das längerfristig verbessern. Denn durch die Ergänzung des «Internet of Communication» mit dem «Internet of Value» werden Daten- und Wertschöpfungsmanagement aneinandergekoppelt und so für ein Netzwerk an Internetnutzern direkt und ohne Drittpartei möglich.

Neue Welt der Token-Ökonomie

Token ermöglichen interneteigenes Eigentum. Es handelt sich dabei also um digitale Werteinheiten, die unabdingbarer Teil eines Protokoll-basierten Anreizsystems sind. Die netzwerkeigenen Token schaffen für die Netzwerknutzer die ökonomischen Anreize zur dezentralisierten Konsensfindung. Erst diese ermöglicht wiederum die Koordination und Allokation von Kapital, um ein gemeinsames Ziel durch den Einsatz verschiedener wirtschaftlicher und kryptographischer Mechanismen zu erreichen.

Über einen Token ist dessen Inhaber finanziell am Netzwerk beteiligt. Nur logisch also, dass Miteigentümer eines Netzwerks ein Interesse an dessen Erfolg haben. Die teils frenetisch anmutende Begeisterung von Bitcoin-, Ethereum- und anderen Blockchain-Nutzern ist darauf zurückzuführen, dass sie das Netzwerk nicht nur nutzen, sondern über die Token daran beteiligt sind und direkt von dessen Erfolg profitieren. Nutzer werden so zu Fans oder gar Jüngern, die als passionierte Entwickler, Vermarkter und Verkäufer zur weiteren Verbreitung der Idee beitragen. Dank digitaler Token können Blockchain-Protokolle von ihren Schöpfern heute zudem direkt monetarisiert werden. Vor dem Aufstieg dieser neuen Token-Ökonomie war es ziemlich schwierig, mit der Entwicklung neuer Internetprotokolle Geld zu verdienen.

Dieser mittels Token ermöglichte Netzwerkinhaber-Effekt schafft jedoch nicht nur neue ökonomische Anreize des Netzwerkwachstums und die Möglichkeit zur Direktmonetarisierung der Protokolle. Er führt auch dazu, dass die Anreize und Ziele aller am Netzwerk beteiligen Parteien besser übereinstimmen, da ein jeder Netzwerknutzer gleichzeitig auch ein Netzwerkbesitzer sein kann. Bei den bestehenden Internetplattformen ist das derzeit kaum der Fall, steht doch eine Minderheit von Besitzern einer Mehrheit von Nutzern gegenüber.

Es sind diese Entwicklungen, die einem in Bezug auf das Besterben das Internet zu dezentralisieren, positiv stimmen sollten. Gewiss gibt es einflussreiche Kräfte, die den zentralistisch strukturierten Status Quo des Internets wahren wollen. Ohne die durch Blockchain und Token ermöglichten Anreizstrukturen wäre jeder Veränderungsversuch denn auch hoffnungslos. Jetzt, wo diese Werkzeuge vorhanden sind, darf immerhin gehofft werden, dass das Internet einmal zu dem werden wird, was es hätte sein können, aber nie sein durfte.

Die neue Welt der Krypto-Assets

Kryptowährungen hier, Kryptowährungen da – die ganze Finanzwelt kennt sie mittlerweile, die digitalen Privatwährungen. Hängt Ihnen der Begriff mittlerweile zum Hals raus? Dann geht es Ihnen wie vielen innerhalb der Krypto-Community. Auch sie wollen nichts mehr von Kryptowährungen hören – zumindest nicht in dem generalisierenden Zusammenhang, in dem von ihnen viel zu oft gesprochen wird. Bitcoin und Konsorten werden gemeinhin als Kryptowährungen bezeichnet – doch das ist eine unpräzise Verallgemeinerung.

Sammelsurium an Privatwährungen

Als Überkategorie handelt es sich bei Krypto um eine neue Vermögensklasse, die Aktien, Anleihen oder Rohstoffe ergänzt. Innerhalb der Krypto-Anlagewelt gibt es aber entscheidende Differenzen. Kryptowährungen sind zwar der bekannteste Anwendungsfall der Blockchain-Technologie, doch gibt es noch weitere: von Plattformen für Software-Entwickler über Finanzanwendungen wie Wertschriftenhandel oder Kreditgeschäft bis hin zu Logistiknetzwerken, dezentralisierter Datenspeicherung und selbstverwalteten digitalen Identitäten.

Lidia Bolla, Managing Partner beim Krypto-Vermögensverwalter vision&, spricht darum generell von «Krypto-Assets». Dies auch deshalb, weil zum heutigen Zeitpunkt bei vielen Krypto-Projekten kaum abschliessend gesagt werden kann, welchem Segment sie zuzuordnen sind. Bei vielen Krypto-Assets handelt es sich um Internetprotokolle, deren Fundament eine kryptografisch gesicherte, dezentralisierte Datenbank ist, die sogenannte Blockchain.

Bitcoin war das erste offizielle Krypto-Asset und wurde in seinem Thesenpapier auch als elektronisches Peer-to-Peer Zahlungssystem charakterisiert. Da kryptografische Verfahren wesentlicher Bestandteil des Bitcoins sind, wurde diese neue Währung als sogenannte Kryptowährung kategorisiert. Mittlerweile gibt es unzählige weitere mit dem erklärten Hauptziel, als digitales Tauschmittel zu funktionieren. Prominente Beispiele sind: Bitcoin Cash, Litecoin, Byteball, Feathercoin oder Dodgecoin. Ein Massenphänomen sind diese allerdings noch nicht, dazu fehlt ihnen bislang die Skalierbarkeit ihres technischen Unterbaus.

in anderes Hauptanliegen verfolgen die Privacy- oder AnonCoins. Zu ihnen gehören Monero, Zcash, Dash oder Komodo. Diese fungieren als nicht-nachverfolgbares Digitalgeld zum Schutz der Privatsphäre. Aufgrund ihrer Anonymität werden derartige Kryptowährungen auch mit digitalem Bargeld verglichen. Gegenwärtig wird der Bitcoin von vielen als Wertaufbewahrungsmittel angesehen. Für andere ist er dies wegen hoher Preisvolatilität eben gerade nicht. Treffender wäre es daher, den Bitcoin als innovativen, wenngleich volatilen Wertaufbewahrungsversuch einzuordnen. Das Ziel nachhaltiger Wertaufbewahrung verfolgen auch die sogenannten Stablecoins. Am populärsten sind Tether, Circle, MakerDao, Basis sowie DigixDao. Obwohl unterschiedlich in ihrem Ansatz, beabsichtigen sie alle, ihren Wert im Vergleich zu staatlichen Währungen wie dem Dollar konstant zu halten. Deren Volumen und Relevanz sind zurzeit allerdings noch gering.

Unbestritten ist: Was der US-Dollar für das von staatlichen Währungen dominierte System ist, verkörpert der Bitcoin für die Krypto-Welt: die Reservewährung. Nur der Ether hat diese Funktion ebenfalls noch inne. Wer in die zahlreichen Krypto-Assets investieren will, hat hierfür meistens zuerst Dollar, Euro oder Yen in Bitcoin oder Ether umzuwandeln, bevor man damit andere Tokens kaufen kann.

Plattform-Token

Der Ether ist jedoch vor allem aus einer anderen Perspektive interessant: So stellt er das «Krypto-Fuel» für das Ethereum-Netzwerk dar. Die Währungsfunktion tritt in den Hintergrund, während Smart Contracts, programmierbare und daher selbst exekutierende Verträge, in den Vordergrund rücken. Ethereum gilt daher als Krypto-Plattform. Diese fungiert als dezentralisierte Entwicklungsplattform und dient Programmierern dazu, die unterschiedlichsten DApps (dezentralisierte Applikationen) zu entwickeln. Interessanterweise sind jene Krypto-Assets mit der höchsten Marktkapitalisierung Plattform-Assets. Die bekanntesten neben Ethereum sind: EOS, Cardano, NEO, NEM, IOTA und ICON. Auch die Bitcoin-Community arbeitet an einer Plattform namens Rootstock, welche Smart Contracts für Bitcoin ermöglichen soll.

Krypto für die Finanzwelt

Ebenfalls ein prominenter Anwendungsfall unter den Krypto-Assets ist jener von Finanzanwendungen. Allen voran die Projekte Ripple und Stellar, welche den globalen Zahlungsausgleich innerhalb des Interbankenmarktes günstiger, effizienter und vor allem schneller machen wollen. Als Zahlungslösung der Zukunft sehen OmiseGo, RequestNetwork oder das InkProtocol. Auch das Handels- und Börsengeschäft spielt in der neuen Krypto-Welt eine entscheidende Rolle. Hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung, wonach immer mehr physische Assets tokenisiert werden und somit durch eine Art korrespondierendes Krypto-Asset ergänzt werden, scheinen Projekte wie der Binance Coin, Huobi Token oder Bibox Token aussichtsvoll positioniert zu sein. Auf das Kreditgeschäft abgesehen haben es Nexo und SALT.

Token für ein Web 3.0

In der Zwischenzeit erstreckt sich das Krypto-Phänomen auch über unterschiedlichste Projekte, die nur indirekt oder überhaupt nicht mit dem Finanzsektor in Verbindung stehen. So versucht sich Siacoin in der Dezentralisierung von Datenspeicherung. Steem oder Mithril arbeiten auf ein dezentrales Ökosystem für Soziale Netzwerke hin. Des Weiteren ermöglicht die Krypto-Welt ganz neue Geschäftsmodelle und Anwendungsfälle, die bislang überhaupt nicht möglich gewesen sind. Beispielsweise die Möglichkeit zur Selbstverwaltung einer eigenen digitalen Identität, wie von Valid oder Civic vorgesehen. Oder ein Marktplatz für das Teilen und die Monetarisierung von persönlichen Daten, eine Idee, die Streamr verfolgt. Weitere interessante Anwendungsfälle sind Augur, eine dezentralisierte Prognosemarkt-Plattform oder Golem, ein Markt für die Monetarisierung ungenutzter Computerkapazität.

Im Zusammenhang mit den unterschiedlichen Krypto-Assets fällt auch immer der Begriff des Tokens. Was ist damit gemeint und wofür soll sein solcher Token gut sein? Es handelt es sich dabei letztlich um eine digitale Wertmarke, die in irgendeiner Weise mit einer Geschäftsidee, einem Projekt, einem Unternehmen in Verbindung steht. Auf unterschiedlichen Handelsbörsen lassen sie sich wie Aktien kaufen oder verkaufen. Vielfach ermöglicht ein Token exklusiven Zugang zu einem Internetprotokoll, letztlich zu einem Netzwerk, das durch die Blockchain-Technologie und deren dezentralisierte Datenbank aufrechterhalten wird.

Vielfalt der Token-Arten

Token ist allerdings nicht gleich Token. So gibt es den Coin, der die Funktion einer Währung innehat. Im Gegensatz zu konventionellen Währungen wird dieser Coin nicht durch eine Zentraleinheit herausgegeben, sondern entsteht durch das Mining unterschiedlicher am System teilhabender Akteure. Dabei investieren diese stromintensive Rechenleistung, um das jeweilige Zahlungsnetzwerk aufrechtzuerhalten. Als Belohnung erhalten sie die neu geschürften Coins. Das prominenteste Beispiel ist der Bitcoin. Die Finanzmarktaufsicht der Schweiz spricht bei dieser Art Coin von Zahlungs-Token.

Der eigentliche Token ist vielmehr mit einem Gutschein, Coupon oder Ticket zu vergleichen. Beispielsweise ein Kinoeintritt, der Zutritt in den Kinosaal gewährt. Ausserhalb des jeweiligen Kontextes hat er keinen Wert. Man unterscheidet zwischen drei verschiedenen Token-Arten. Unter dem Utility-Token werden diejenigen Token verstanden, die digitalen Zugang zur Nutzung eines Blockchain-Netzwerkes ermöglichen. Davon abgesehen, scheint dieser Token keinen anderen Nutzen zu haben. Etwas salopp spricht man in diesem Zusammenhang deshalb auch von «Krypto-Fuel», dem Treibstoff für das Netzwerk. Als Beispiele werden hier häufig Ether oder IOTA genannt. Um diese Kategorie zu beschreiben, verwendet die Finma den Begriff des Nutzungs-Token.

Eine zweite Art ist der Security-Token. Als solche werden sämtliche Arten von handelbaren Vermögenswerten bezeichnet. Ausschlaggebend ist, dass diese Art von Token durch einen physischen Gegenwert gedeckt ist und letztlich eine Einlösungspflicht besteht. So können Inhaber eines entsprechenden Security-Token diesen entweder für ein Edelmetall, ein Luxusgut oder einen Anteil an einer Immobilie einlösen. Ein Beispiel hier ist der DigixDao-Token. Gemäss Finma fallen die Security-Token in die Kategorie der Anlage-Token. Es ist davon auszugehen, dass den Security-Token eine aussichtsvolle Zukunft bevorsteht.

Dann gibt es auch noch den Equity-Token. Der Idee nach verkörpert ein solcher eine digitale Aktie. Über einen Smart Contract, einen sich selbst exekutierenden Vertag auf der Blockchain, sollen potenziell anfallende Dividenden an die Equity-Token-Inhaber ausbezahlt werden – in einer Kryptowährung versteht sich. Wie bei einer Aktie kann der Inhaber an Abstimmungen teilnehmen, die transparent über die Blockchain durchführt werden. Prominentes Beispiel aus der Schweiz: der Modum-Token. In diesem Fall verwendet die Finma ebenfalls den Begriff des Anlage-Token.

Bitcoin nein, Blockchain ja?

Erst kürzlich berichtete die Republik in einem Artikel davon, wie sich die Bitcoin- und Blockchain-Branche immer mehr professionalisieren würde. Wer die Szene schon ein wenig länger verfolgt, dem springt diese Entwicklung ins Auge. Was einst eine Nische für Krypto-Anarchisten war, hat sich zu einer breiten Erscheinung weiterentwickelt. Ironischerweise sind mittlerweile auch jene Interessen und Kreise mit eingebunden, gegen die das Krypto-Phänomen in seinen Anfängen angetreten ist. Einige wenige etablierte Finanzbörsen, Banken und Hedgefonds haben unlängst erkannt, dass hier gerade eine neue Anlageklasse entsteht. Nichtsdestotrotz scheint es so, als wolle das Gros der traditionellen Finanzmarktakteure nach wie vor einen gewissen Sicherheitsabstand zu Bitcoin und anderen Kryptowährungen wahren.

Stattdessen hat man sich vielmehr auf die Technologie hinter Bitcoin eingeschossen, die sogenannte Blockchain. Unter dem Motto «Blockchain without Bitcoin» wird sie gemeinhin als neue IT- und Kommunikationstechnologie angepriesen. Immer wieder ist von neuen Kooperation grosser Unternehmen zu lesen, die sich zwecks Forschung oder gar Implementierung von Blockchain-Projekten zusammengeschlossen haben.

Für die zahlreichen Arbeitsgruppen von Banken und anderen Konzernen zum Thema «Blockchain» haben eingefleischte Bitcoin-Aficionados jedoch nur ein müdes Lächeln übrig. Die Blockchain für etablierte Unternehmenszwecke nutzen zu wollen, wäre gänzlich unökonomisch, argumentieren sie. Die neue Technologie sei nicht bloss eine weitere «Cloud-Lösung» für verteilte Datenspeicherung, sondern eine ressourcentechnisch äusserst ineffiziente Methode, die innerhalb eines Ökosystems inhärenten Vertrauensprobleme, ohne eine zentrale Instanz zu lösen. Die Blockchain-Technik sei eben nur dann sinnvoll und erforderlich, wenn man eine Bank, Grosskonzern oder ganz allgemein eine zentralistische Kontrollinstanz vollumfängliche entbehren möchte, so die Bitcoin-Maximalisten.

Zwei völlig verschiedene Welten

Werfen Banken also gerade reichlich Geld aus dem Fenster? Werden die zahlreichen Blockchain-Projekte dereinst alle als PR-Aufwand abzuschreiben sein? Kluge Köpfe, die in solchen «Blockchain-for-Business»-Projekten engagiert sind, halten dagegen und argumentieren: Es gelte klar zwischen öffentlichen und privaten Blockchains zu unterscheiden. Dabei handle es sich um zwei völlig verschiedene Welten, die gänzlich andere Ziele verfolgen würden, so Matthias Loepfe, einer dieser genannten klugen Köpfe.

Für Loepfe besteht das Alleinstellungsmerkmale privater Blockchains in der immensen Effizienzgewinnung: «Unternehmen sind heute oftmals Teil spezifischer Ökosysteme, weshalb sie ununterbrochen miteinander kommunizieren müssen. Zwischen diesen Unternehmen bestehen mitunter schon digitalisierte und automatisierte Schnittstellen, nach wie vor aber auch noch alte papiergebundene Prozesse. Jeder pflegt seine eigene Version der entsprechenden Daten. Diese Daten aktuell und konsistent zu halten, ist schwierig und verursacht viel Friktion. Deswegen haben die einzelnen Unternehmen des Ökosystems alle eine unterschiedliche Sicht auf die «Wahrheit». Genau hier kann die Blockchain punkten.»

Laut Loepfe liesse sich mit dem Blockchain-Ansatz für alle eine gemeinsame Sicht auf das schaffen, was richtig sei – ein Single Point of Truth also. Alle Ökosystem-Teilnehmer hätten die Daten mittels ihres Blockchain-Nodes im eigenen Haus, doch seien sie gleichzeitig mit allen anderen Nodes synchron. Folglich gäbe es nur eine Wahrheit, die bereits alle Teilnehmer besässen. Mühseliger Datenaustausch und -abgleich ist nicht mehr nötig, weshalb zahlreiche Reibungsverluste eingespart werden können. Die Effizienzgewinne würden vor allem daraus resultierten, dass ein «Single Point of Truth» das Vertrauen ins Gesamtsystem festige, was wiederum eine Grundvoraussetzung für eine effiziente Zusammenarbeit sei, so der Informatiker.

Im Unterschied zur öffentlichen Blockchain ist das Vertrauen bei einer privaten Blockchain natürlich viel weniger dezentralisiert. Während bei einer öffentlichen Blockchain deshalb eine möglichst hohe Non-Zentralität angestrebt wird, um möglichst «Censorship resistant» zu sein, sind Änderungen an einer privaten Blockchain durch ein Konsortium von Blockchain-Teilnehmern sehr viel wahrscheinlicher. Diese Tatsache anerkennt auch Loepfe: Natürlich sollte man sich keine falschen Illusionen machen. Eine private Blockchain sei leichter abzuändern. Gerade im Unternehmenskontexte könne dies aber auch gewünscht sein, schlussfolgert er.

Blockchain – schon heute ein sinnloser Begriff

Die Blockchain kann also durchaus für Grossunternehmen oder gar für den unternehmensinternen Bereich von Nutzen sein. Denn auch Unternehmen sind in einem grösseren, vielleicht sogar globalen Kontext tätig, wo sie selber auf Mittelsmänner angewiesen sind, zum Beispiel im internationalen Zahlungsverkehr, Aktien und Anleihegeschäft oder Logistikwesen. Und selbst innerhalb eines Konzerns mag die Anwendung der Blockchain Sinn ergeben. Natürlich erfüllt eine Blockchain ohne einen Coin einen anderen Zweck als beispielsweise die Bitcoin-Blockchain. Nichtsdestotrotz dient sie einem Zweck und dieser kann darin bestehen, verteilte Datenbanken über einen einzigen Ledger, also die Blockchain, in permanenter Übereinstimmung zu halten.

Es ist daher davon auszugehen, dass nicht alle «Blockchain-for-Enterprise»-Projekte für die Katz sein werden. Das dürfte auch darauf zurückzuführen sein, dass sich der Begriff «Blockchain» bereits völlig totgelaufen hat und mittlerweile jeder etwas anderes darunter versteht. Wenn man so will, könnte man die Bitcoin-Blockchain gewissermassen als Archetyp und somit als eigentliche Blockchain betrachten. Banken haben jedoch schnell gemerkt, dass es gewisse Attribute dieser «Ur-Blockchain» wie einen Blockchain eigenen Coin oder das Mining für ihren Kontext überhaupt nicht brauchen. Aus Marketing-Gründen haben sich viele dennoch entschieden, trotz der klaren Unterschieden zur Bitcoin-Blockchain für ihre eignen Projekte ebenfalls mit dem Begriff «Blockchain» zu werben. Zum Glück sind Begriff letztlich nicht entscheidend, sondern vielmehr was sich dahinter verbirgt. Die facettenreiche Technologie – egal ob Bitcoin-Blockchain oder «Corporate»-Blockchain – sie wird uns in den verschiedensten Bereichen weiterbringen. In den einen etwas mehr, in den anderen etwas weniger.

Stablecoin: Heiliger Gral oder utopisches Ideal?

Viele halten die Volatilität der Krypto-Assets noch immer für einen Stolperstein auf dem Weg hin zu deren Breitenwirkung im Alltagsleben. Ohne Preisstabilität werde der Krypto-Markt nie als Massenphänomen Fuss fassen können, sondern auf ewig eine Randerscheinung bleiben, lassen sich kritischen Stimmen zitieren.

Als Reservewährung der Krypto-Welt hat der Bitcoin den wohl stärksten Einfluss auf dieselbe – weshalb es vor allem seine unumstösslich disinflationäre Wesensart ist, die Preisschwankungen unvermeidbar machen. Bitcoin ist auf eine im Programmiercode festgelegte Anzahl neue Bitcoin-Einheiten limitierte. Bloss alle zehn Minuten werden 12,5 neue Bitcoin geschaffen – mehr ist nicht möglich. 2020 werden es noch 6,25 neue Bitcoin sein, 2024 nur noch 3,125 und so weiter. Dieser rigide Schöpfungsalgorithmus macht Bitcoin auf der Angebotsseite ziemlich unflexibel. Das Angebot kann einer schwankenden Nachfrage kaum angepasst werden.

Dieser inhärent disinflationärer Charakter wird von Bitcoin-Enthusiasten nicht als Problem identifiziert; im Gegenteil sehen einige darin sogar des Bitcoins grösster Vorteil. Denn eine Währung, dessen Angebot der Nachfrage hinterherhinkt, wirkt deflationär. Das bedeutet: Die in dieser Währung bemessenen Gütern fallen im Preis. Das befördert die Ersparnisbildung und lässt die Menschen eher in die Zukunft denken – deren Zeitpräferenz fällt. Für ihre Argumentation berufen sich die Bitcoin-Verfechter hauptsächlich auf die Denkansätze der Österreichischen Schule der Nationalökonomie.

Zu wenig, nicht zu viel Spekulation

Natürlich ruft eine derartige Denke Kritiker auf den Bitcoin könne nie Grundlage einer funktionierenden Wirtschaft sein, da Deflation eine Abwärtsspirale bei den Preisen verursacht, welche schliesslich die Realwirtschaft in die Knie zwingen und zum Stillstand bringen würde. Mit ihrer Argumentation liegen die Kritiker nicht ganz falsch, wenn auch klar sein sollte, dass die Lebenssituationen von Individuen stets kontextabhängig sind und kaum eine ganze Gesellschaft unisono nur noch sparen würde. Sparen ist denn auch kein Selbstzweck, sondern ein auf das Konsumieren hingerichtetes Mittel. Zudem sehen sich Menschen auch durch die reale Welt zum Konsum gezwungen – schliesslich haben sie etliche Grundbedürfnisse zu stillen, um ihr Überleben zu sichern. Die Befürchtungen der Kritiker beziehen sich aber vor allem auf unser heutiges schuldenbasiertes Finanzsystem, in welchem eine Deflation aufgrund der enormen Dynamik tatsächlich verheerende Konsequenzen hätte. Mit der kalkulierbaren deflationären Wirkung Bitcoins hat eine derartiges Deflationshorrorszenario allerdings nichts zu tun.

Gemeinhin wird das Bitcoin-Phänomen auch als hochspekulative Sache abgetan. Letztlich ist dieser Vorwurf allerdings nicht allzu eng zu sehen. Denn ökonomisch gesehen, ist jegliches menschliches Handeln ungewiss und daher notwendigerweise spekulativ. In Bezug auf Bitcoin lässt sich sogar sagen, dass es nicht zu viel, sondern noch viel zu wenig Spekulation gibt. Spekulieren nämlich mehr Menschen auf den Bitcoin, ergibt sich daraus eine grössere Markttiefe. Diese wiederum führt «at the margin» dazu, dass Preisschwankungen schneller geglättet werden, da mehr «Spekulanten» und damit Liquidität involviert ist.

Insofern ist mehr «Spekulation» zu begrüssen. Ob sich der Bitcoin-Preis mit zunehmender Markttiefe tatsächlich einmal gänzlich stabilisieren wird, davon ist kaum auszugehen. Aufgrund seiner absoluten Angebotsbeschränkung dürfte die Kryptowährung in einer dynamischen Welt wie der unsrigen stets eine Restgrösse an Volatilität aufweisen. Folgende Trade-Off wird wohl immer gelten: Während staatlichen Währungen kurzfristig preisstabil, langfristig aber noch immer zu ihrem natürlichen Wert – nach Voltaire liegt dieser ja bei Null – gefunden haben, ist Bitcoin in der langen Frist wertstabil und daher ein geeignetes Wertaufbewahrungsmittel.

Kritik aus den eigenen Reihen

Interessanterweise lassen sich gegen den Bitcoin Bedenken formulieren, die von niemand Geringerem kommen als Friedrich August von Hayek, dem wohl bekanntesten Vertreter der Wiener Schule der Nationalökonomie. Hayek war ein gebranntes Kind, sein Leben lang war er von Inflation geplagt. Als erbitterter Gegner jeglicher Inflation und Deflation sehnte er sich nach einem preisstabilen Geld. Ihm zufolge würde nur ein stabiles Geld ausgereifte Wirtschaftsbeziehungen ermöglichen. Denn kaum jemand würde längerfristig Schulden in einer Geldeinheit aufnehmen wollen, die immer mal wieder stark im Preis steigt. Genauso könne ein Unternehmen seine Bilanz mit Vermögenswerten, Lohnzahlungen und mehr nicht in einer unstabilen Währung führen, argumentiert Hayek.

Wie sind Hayeks Vorbehalte zu bewerten? Eine nüchtern-realistische Schlussfolgerung dürfte wohl sein: Die Annahme, unsere auf Kreditbeziehungen basierenden hoch komplexen und fragilen Wirtschaftsstrukturen und Finanzdienstleistungen wären gänzlich unmöglich, käme einer Überdehnung der hayek’schen Argumente gleich. Nichtdestotrotz legen diese nahe, dass Preisstabilität ungemein förderlich ist. Denn volatile Preise erschweren nun einmal die Risikoberechnung vor allem dann, wenn Verträge über längere Zeitperioden abgeschlossen werden – wie das in unserem komplexen Wirtschaftssystem heute üblich ist.

Ganz im Sinne Hayeks hat sich der Krypto-Markt deshalb an die Schaffung verschiedene Projekte gewagt, welche für die nötige Preisstabilität sorgen sollen. Die Blockchain ermöglicht nämlich nicht nur eine disinflationäre Währung wie Bitcoin, sondern auch sogenannte Stablecoins, die viel eher dem Gusto Hayeks entsprechen würden.

Drei Arten von Stablecoins

Bis dato können grundsätzlich drei verschiedene Typen von Stablecoins unterschieden werden:

  • Durch staatliche Währung besicherte Stablecoins (Fiat-collateralized)
  • Durch Krypto-Assets besicherte Stablecoins (Crypto-collateralized)
  • Unbesicherte Stablecoins (non-collateralized)

Die einfachste Variante einen Stablecoin ins Leben zu rufen, ist diesen an eine staatliche Währung – vorzugsweise den US-Dollar – zu binden. Hierfür werden die Stablecoins herausgegeben, die jeweils eins zu eins mit US-Dollar besichert sein sollten. Der grösste Stablecoin Tether mit einer Marktkapitalisierung von gut zweieinhalb Milliarden US-Dollar funktioniert nach diesem Prinzip.

Für den wahren Krypto-Anhänger ist der Tether natürlich ein No-go, setzt diese Art des Stablecoins doch eine inhärente Zentralisierung von Vertrauen dar – just jene Eigenschaft, gegen welche Kryptowährungen ursprünglich angetreten sind. Wer Tether hält, hat den Verantwortlichen hinter dem Tether-Projekt zu vertrauen, dass diese über die entsprechende Anzahl US-Dollar für die von ihnen ausgegebenen Tether auch tatsächlich verfügen. Seit geraumer Zeit gibt es denn auch eine hitzige Debatte darüber, ob die zweieinhalb Milliarden Tether auch wirklich gedeckt sind. Eine Einlösungspflicht, bei der Tether-Coins gegen die entsprechende Anzahl US-Dollar eingelöst werden können, besteht nicht. Selbst wenn Tether über die gesagten US-Dollarmengen zum jetzigen Zeitpunkt verfügen sollte, so dürfte in einem wachsenden Krypto-Markt immer schwieriger werden, wollte Tether die volle Deckung aufrechterhalten. Mit wachsender Menge würde das aber immer ineffizienter, weshalb eine fraktionale Reservehaltung – das heisst, Tether-Coins wären nicht mehr zu hundert Prozent mit US-Dollar gedeckt – unausweichlich würde.

Nicht den US-Dollar, dafür aber Gold zur Deckung der Kryptowährung verwendet man bei DigixDAO. Dabei handelt es sich um ein Open-Source-Projekt, das darauf abzielt, wertvolle Vermögensgüter wie Gold (zu einem späteren Zeitpunkt auch andere Edelmetalle wie beispielsweise Silber) über die Ethereum-Blockchain zu tokenisieren. Der dafür ins Leben gerufene DGX-Token soll den Inhaber dieses Tokens das Recht auf ein Gramm Gold einräumen, das in einem geprüften Tresor in Singapur aufbewahrt werden soll. Da der DGX-Token als Anspruch auf Gold vorgesehen ist, fungiert er wie ein übertragbarer Lagerhausschein. Der DGX-Token soll letztlich die Stabilität von Gold und anderen Edelmetallen nachahmen und so ein Stablecoin sein. Auch wenn hier die Krypto-Erzfeind in der Gestalt des US-Dollars elegant umgangen werden kann, bleibt der Vertrauensanspruch in eine zentralisierte Kontrollinstanz bestehen.

Krypto mit Krypto besichern

Um das Problem der Zentralisierung lösen zu können, bietet sich natürlich die Möglichkeit an, den Stablecoin mit einem oder mehreren anderen Krypto-Assets zu besichern. Diesen Ansatz verfolgt man bei MakerDAO. Das Projekt besteht aus zwei unterschiedlichen Token: Zum einen der Maker, zum anderen der Dai. Maker-Token dienen als der Governance des MakerDAO-Ökosystems. Sie werden verwendet, um über verschiedene Initiativen abzustimmen, welche die Stabilität des Ökosystems sicherstellen sollen.

Der Dai-Token andererseits ist der eigentliche Stablecoin, dessen Wert stets einem US-Dollar entsprechen soll. Um diese Parität zu erreichen, ist der Dai mit dem zweiten grössten Krypto-Asset Ether besichert. Wie die Verantwortlichen hinter MakerDAO bereits angekündigt haben, soll deren Stablecoin Dai in Zukunft durch weitere Krypto-Assets besichert sein.

Wie aber soll eine Besicherung mit Ether, der selber die typische Volatilität eines Krypto-Assets aufweist, den Stablecoin Dai preisstabil machen? Der Trick liegt in der Überbesicherung des Stablecoin, um so etwaige Preisschwankungen aufzufangen. Folgendes Beispiel dient der Veranschaulichung: Angenommen, man bringt Ether im Wert von 2000 US-Dollar auf und lässt dagegen Dai im Wert von 1000 US-Dollar emittieren. Die ausgegebene Stablecoins sind nun zu 200% besichert. Fällt der Preis eines Ether um 25 Prozent, so sind die ursprünglich emittierten Stablecoins noch immer mit einem Gegenwert von 1500 US-Dollar besichert und können nach wie vor zum Nennwert von einem US-Dollar bewertet werden.

Wohl der Hauptgrund, weshalb jemand 2000 US-Dollar in Ether über einen Smart Contract hinterlegt, dürfte in der Schaffung von Leverage liegen: Mit Ether im Wert von 2000 US-Dollar lassen sich 1000 US-Dollar in Dai kreieren. Wenn nun diese 1000 US-Dollar in Dai dazu verwendet werden, um weitere 1000 US-Dollar in Ether zu kaufen, hält man aufgrund des Leverage-Effektes nun eine Ether-Position im Wert von 3000 US-Dollar, welche mit nur 2000 US-Dollar in Ether besichert sind. Sollte sich der Ether-Wert verdoppeln, besitzt man dann 6000 anstelle von bloss 4000 US-Dollar in Ether.

Obschon der Dai im Gegensatz zu anderen Stablecoins wie Tether oder TrueUSD nicht mit US-Dollar besichert ist, gleichwohl aber eine eins zu eins Parität zum Dollar anstrebt, besteht noch immer eine Abhängigkeit zum Greenback: MakerDAO muss immer den aktuellen USD/Ether-Preis kennen. Wie üblich, muss auch die MakerDAO-Blockchain derartige externe Daten über sogenannte Oracles beziehen. Zum jetzigen Zeitpunkt nicht unüblich passiert die Preis-Einspeisung über ein zentralisierte Oracles, beispielsweise über Preischarts einer Handelsbörse. Daraus ergibt sich erneut ein zentralisiertes Angriffspunkt zur Manipulation der Preisdaten – ein Umstand, den man dank der Blockchain-Technologie eigentlich umgehen möchte. Die Hoffnung besteht daher darin, alternativ auf ein dezentralisiertes Oracle-Ökosystem zurückzugreifen, bei dem beispielsweise die USD/Ether-Preise über mehrere unabhängige Anlaufstellen bezogen werden.

Neben diesem technischen Problem warnen Kritiker von Black-Swan-Events, welche durch Krypto-Assets besicherten Stablecoins widerfahren können. Damit meinen sie den Umstand, unvorhersehbare Ereignisse einen derartigen Stablecoin in die Knie zwingen können. Beispielsweise dann, wenn der Ether einen massiven Kursverlust erleidet und das MakerDAO-System die hinterlegten Ether automatisch zwangsliquidiert. Um eine solche Zwangsliquidation vorzubeugen, ist eine Überbesicherung bis an die Grenzen des Möglichen vonnöten. Das macht diese Art von Stablecoin jedoch unheimlich kapitalintensiv, was gerade in einer auf Effizienz getrimmten Welt nicht mehr gerne gesehen ist.

Dezentrale Imitation einer Zentralbank

Eine dritte Stablecoin-Variante verzichtet gänzlich auf eine Besicherung. Diese Idee kann im Prinzip auf den zu Beginn erwähnten von Hayek zurückgeführt werden, der Ähnliches skizziert hatte – nur halt ohne die Blockchain als Basis. In Anlehnung an die Quantitätstheorie des Geldes soll die Preisstabilität des Stablecoins dadurch erreicht werden, dass die Geldmenge je nach Bedarf erweitert oder kontrahiert wird. Im Prinzip geht es darum, die Steuerungsaufgaben heutiger Zentralbanken via Algorithmen – in diesem Zusammenhang besser Smart Contracts genannt – auf einer Blockchain zu simulieren. Etwas vereinfacht gesagt, besteht die einzige Aufgabe der Smart Contracts darin, den Preis des Stablecoins bei einem US-Dollar zu halten.

Steigt der Preis des Stablecoins aufgrund eines Nachfrageüberhangs über die ein US-Dollar-Marke, ist es für den Algorithmus ein Leichtes, den Preis wieder herunterzuholen: Es werden so lange neue Stablecoins geschaffen, bis der Nachfrageüberhang gesättigt ist. Liegt der Preis unter einem US-Dollar und es herrscht ein Angebotsüberhang vor, gestaltet sich die Sache schwieriger. Der Algorithmus ist dazu angehalten, überschüssige Stablecoins zurückzukaufen. Welche Mittel aber verwendet der Algorithmus dafür? Gut möglich, dass ihm hierfür eine gewisse Anzahl Bitcoin oder Ether aus einer Investitionsrunde zur Verfügung stehen. Sind diese jedoch einmal aufgebraucht, bietet sich die Ausgabe von Anleihen oder sogenannten Seigniorage-Anteilen an. Diese berechtigen deren Inhaber, in Zukunft damit Stablecoins kaufen zu können. Das wohl prominenteste Beispiel für einen Stablecoin dieser Art ist das Projekt Basis.

An dieser Stelle offenbart sich jedoch auch der neuralgische Punkt einer solchen Herangehensweise. Ohne einen direkten Zufluss monetärer Ressourcen oder die Möglichkeit, über Seigniorage-Anteile indirekt Zukunftswertversprechen zu machen, die durch ein fortwährendes Wachstums des Stablecoin-Ökosystems gerechtfertigt sind, kommt es früher oder später zum Kollaps. Nicht wenige Kritiker halten solche nicht besicherte Stablecoins deshalb für tickende Zeitbombe – einige sehen darin sogar ein Pyramidenspiel.

Der Versuch, eine Zentralbank über Smart Contracts non-zentral simulieren zu wollen, ist eine faszinierende Idee. Wie bahnbrechend diese wirklich sein wird, kann nur die Zeit zeigen. Denn die bisherige Währungsgeschichte vermag nicht ganz so positiv zu stimmen. Das sogenannte Trilemma der Währungspolitik dokumentiert auf eine eindrückliche Art und Weise, dass wann immer eine Zentralbank gleichzeitig freien Kapitalverkehr, eine autonome Geldpolitik und einen festen Wechselkurs angesteuert hat, diese grandios gescheitert ist.

Das wohl aktuellste Beispiel lieferte die Schweizer Nationalbank, als diese am 15. Januar 2015 ihre Anbindung des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro hatte aufgeben müssen. Wenn sogar die Zentralwährungshüter aus der Schweiz in diesem Bemühen scheitern, scheint der Erfolg eines unbesichertes Stablecoin-Projekt noch viel unwahrscheinlicher zu sein. Doch selbst wenn Theorie und Empirie dagegen sprechen, sollten Stablecoins nicht a priori abgeschrieben werden, ist die Krypto-Welt bislang immer wieder für eine Überraschung gut gewesen.

Quellen

Bitcoin: Wie gemacht für Zentralbanken

Unter Libertären stösst man immer mal wieder auf die Hoffnung, wonach Bitcoin und andere Kryptowährungen staatliche Währungen in ferner Zukunft ersetzen werden. Und tatsächlich lässt das Krypto-Phänomen die Macht der Zentralbanken denn auch in einem neuen Licht erscheinen: Das staatliche Geldmonopol ist nicht länger absolut und wird in gewissen Region dieser Welt herausgefordert. Neben den zahlreichen alternativen Kryptowährungen hat es die durch den Bitcoin ins Rampenlicht katapultierte Blockchain-Technologie zudem möglich gemacht, eine digitale Version des US-Dollars ins Leben zu rufen, so wie das beispielsweise Tether getan hat. Trotz dieser bemerkenswerten Schritte, ist es wohl etwas gar gross geträumt, wenn Libertäre glauben, Bitcoin und andere Kryptowährungen würde das Zentralbankenwesen und damit das staatliche Währungssystem in absehbarer Zeit in die Knie zwingen.

Vielleicht ein wenig realistischer könnte eine Zukunftsentwicklung sein, welche sich aufgrund der Parallelität zwischen Gold und Bitcoin anbietet: Wie einst Gold im 19. Jahrhundert hätte Bitcoin seinem Wesen nach ebenfalls das Zeug zur globalen Reserve- und Abrechnungswährung für den internationalen Handel und könnte einmal sogar für Zentralbanken von Interesse sein. Das Alleinstellungsmerkmal Bitcoins gegenüber dem Edelmetall: Die Kryptowährung ist digital.

Da Bitcoin kein Gegenparteirisiko aufweist, von keinem Staat herausgegeben und überhaupt durch keine einzelne Instanz administriert und kontrolliert wird, kann die Kryptowährung gewissermassen als «neutrale» Währung angesehen werden. Gegenüber Gold hat Bitcoin zudem den grossen Vorteil, dass Bitcoin-Transaktionen und damit Zahlungen beliebig grosser Beträge über jegliche Grenzen hinweg in nur wenigen Minuten endgültig verrechnet werden können. Dass eine Art Einheitswährung für den globalen Handel ungemein förderlich ist, scheint die Zeit des klassischen Goldstandards eindrücklich gezeigt zu haben. Betriebswirtschaftlich gesehen dürfte eine einheitliche Abrechnungswährung den Welthandelt fast zwingend vereinfachen, bietet sie doch eine gemeinsame Rechnungs- und Kalkulationseinheit über Länder und Nationen hinweg. Ein Indiz dafür, dass Gold dies zu leisten vermochte: Erst ungefähr in den 1990er Jahren erreichten die internationalen Handelsströme erneut jene Dimensionen, welche sie noch vor dem Beginn der zerstörerischen Weltkriege innegehabt hatten.

Heute geschieht der Handel auf internationaler Ebene wieder bloss indirekt. So setzt ein Kauf einer ausländischen Ware, den Kauf der jeweiligen Währung voraus, womit wir eigentlich wieder bei einer Art Bartergeschäft angelangt sind. Oder aber der Handel passiert via der Leitwährung US-Dollar, was zu einer globalen Schieflage zugunsten der Vereinigten Staaten führt und deshalb nicht zu Unrecht bereits vor fünfzig Jahren vom damaligen französischen Finanzminister Valéry Giscard d’Estaing als «Exorbitant Privilege» bemängelt worden ist. Mit Bitcoin als Abrechnungswährung liesse sich dieses brechen.

Geopolitik und Bitcoin mittendrin

Wie realistisch aber ist ein solches Szenario? Angesichts der gegenwärtigen geopolitischen Entwicklung immer realistischer. Mit der voranschreitenden De-Dollarisierung zeichnet sich der Übergang von einer unipolaren zu einer multipolaren Weltordnung immer deutlicher ab. Zahlreiche Länder – allen voran China und Russland – haben bilaterale Abkommen geschlossen, wonach sie ihre Handelsgeschäfte nicht länger über den US-Dollar abwickeln wollen. Zudem ist es ein offenes Geheimnis, dass das Reich der Mitte und das ehemalige Zarenland in den vergangenen Jahren begonnen haben, ihre Goldbestände massiv aufzustocken, um so ebenfalls auf eine De-Dollarisierung hinzuarbeiten. Die Chinesen haben natürlich ein Interesse daran, ihre eigene Währung, den Yuan, als neue globale Leitwährung zu etablieren. Insofern sind sie nicht nur gegen den Dollar, sondern auch gegen Bitcoin. Das würde auch deren ambivalentes Verhältnis zur Kryptowährung erklären. Die chinesische Regierung hat bereits mehrere Male versucht, über Verbote und harte Regulierung gegen Bitcoin und andere Krypto-Assets vorzugehen – nur um dann wieder einen Schritt auf die Krypto-Welt zuzumachen.

Für gewisse Kreise scheint der Bitcoin im Zuge dieser Ereignisse allerdings bereits eine geopolitische Komponente eingenommen zu haben: Warum sonst hat die überaus vorsichtige und zögerliche US-Regulierungsbehörde urplötzlich die Bitcoin-Futures im Dezember bewilligt und das nur knapp eine Woche nach der Ankündigung Russlands, Chinas, Indiens und Brasiliens, eine neue Goldhandelsplattform ins Leben zu rufen? Haben die Vereinigten Staaten von Amerika hier womöglich ein abgekartetes Spiel durchschaut und sich deshalb entschieden, dem Bitcoin in den USA mehr Raum zu bieten? So jedenfalls eine etwas kühne Interpretation der Dinge.

Interessant und zu Spekulation einladend ist auch das Gebaren von Japan. So gibt sich das Land der aufgehenden Sonne gegenüber Bitcoin und Krypto seit jeher ziemlich aufgeschlossen. Im März 2017 hat das Land den sogenannten Virtual Currency Act eingeführt. Obwohl dieser Bitcoin nicht eindeutig zu einem gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt, kategorisiert die Verordnung Kryptowährungen als eine Zahlungsart. Es kommt daher auch nicht von ungefähr: Japan macht rund 40 Prozent des globalen Bitcoin-Handelsvolumens aus – so viel wie kein anderer Ort dieser Welt.

Japan: ein Abbild der Zukunft?

Die Offenheit Japans Bitcoin und Kryptowährungen gegenüber könnte einen tieferliegenden Grund haben – insbesondere, wenn man bedenkt, dass die japanische Mentalität grundsätzlich für Zurückhaltung und Besonnenheit plädiert und Japaner nicht dafür bekannt sind, bei Entscheidungen aus der Hüfte zu schiessen. Woher also rührt Japans Offenheit und Risikobereitschaft in Bezug auf den gemeinhin als sehr risikoreich angesehenen Bitcoin?

Schon seit Jahren kämpft die dritt grösste Volkswirtschaft der Welt mit der Deflation. Die Staatsverschuldung ist mit 235 Prozent an der volkswirtschaftlichen Leistung heute exorbitant hoch – vor allem deshalb, weil sich Japan so mehr schlecht als recht aus der Deflationsfalle herauszuwinden versucht. Dort, wo die Bemühungen zu gelingen scheinen, ist der «Aufschwung» letztlich auf die japanische Zentralbank zurückzuführen: Diese ist inzwischen nicht nur im Besitz von ungefähr 42 Prozent aller japanischen Staatsanleihen, sondern ist mittlerweile auch stolzer Inhaber von 77 Prozent aller japanischen ETF, was die Bank of Japan zu einem Top-10-Aktionär bei 40 Prozent aller japanischen Unternehmen macht. Dass diese Entwicklung nicht nachhaltig sein kann und irgendwann an ein Ende kommen muss, wissen wohl auch Japans Funktionäre. Nicht auszuschliessen also, dass hinter der japanischen Aufgeschlossenheit dem Bitcoin gegenüber ein gewisses Kalkül steckt. Vielleicht erahnen sie das Ableben ihrer Finanzstrukturen und versuchen deshalb bereits mögliche neue Wege einzuleiten.

Natürlich kann über die geopolitischen Absichten von Staaten nur spekuliert werden. Doch hat sich der Bitcoin einmal für eine längere Zeitperiode als historisch sicher und verlässlich erwiesen, könnte er auch für Zentralbanken lukrativ werden. Denn noch heute halten Notenbanken auf der ganzen Welt einen Teil ihrer Aktiven in physischem Gold, das ihnen als Sicherheitspuffer dient. Bitcoin könnte aufgrund seiner Non-Zentralität und Nicht-Kontrollierbarkeit diesbezüglich eine willkommene Ergänzung sein.

Insbesondere für kleine Zentralbanken könnten Kryptowährungen wie Bitcoin sinnvoll sein, um ihr Portfolio auf diese Weise weniger von grossen Währungen wie dem Dollar oder Euro abhängig zu machen. Für die Zentralbank von Barbados, einem Inselstaat in der Karibik, sind zwei Ökonomen dieser Thematik in einem Arbeitspapier bereits nachgegangen. In den sich zuspitzenden Zeiten währungssystemischer Unsicherheiten dürften allerdings auch andere Zentralbanken gut beraten sein, sich gegen etwaige Kontroll- und Vertrauensverluste absichern zu wollen. Eine Möglichkeit des Absicherns: das Setzen auf unabhängiges Asset ohne Gegenparteienrisiko wie Gold – oder in Zukunft vielleicht auch Bitcoin.

Bitcoin also neues unabhängiges Reserve-Asset könnte dereinst von Zentralbanken auch dafür verwendet werden, die von ihr ausgegebene E-Währung bilanztechnisch zu decken. So hört man: Einige Zentralbanken seien dabei, neue Wege mit einer eigenen Digitalwährung auszuloten. Gerüchten zufolge würde beispielsweise die schwedische Riksbank nach Möglichkeiten suchen, eine E-Krona ins Leben zu rufen.

Warum dieser Schritt, wo doch die überwiegende Mehrheit aller sich im Umlauf befindlichen Dollar, Euros oder Kronen ohnehin schon elektronisches Buchgeld sind? Der Grund liegt in der Geldschöpfung: Diese passiert heute gemeinhin über die Geschäftsbanken – die Zentralbanken haben bloss indirekten Einfluss. So sind ungefähr 90 Prozent aller existierenden «Schweizer Franken» digitale Buchungseinträge bei einer Bank, sogenanntes Buchgeld, dass ausschliesslich elektronisch existiert. Interessanterweise ist dieses Buchgeld heute nicht gesetzliches Zahlungsmittel, sondern «bloss» eine allgemein akzeptierte Forderung auf dasselbe. Wenn ein Bürger heute also eine elektronische Zahlung macht, bezahlt er mit einem impliziten Schuldtitel, den eine Geschäftsbank herausgegeben hat. Mittels einer eigenen Digitalwährung dürfte eine Notenbank die Kontrolle über den Geldschöpfungsprozess samt Inumlaufsetzung vollumfänglich an sich ziehen.

Im Zuge der Blockchain-Euphorie scheinen solche Ansätze an Popularität gewonnen zu haben. Auch in der Schweiz wurde jüngst der E-Franken gefordert. Selbstverständlich «auf Basis der in Zug mitentwickelten Blockchain- und Kryptografie-Technologie, um jedefrau und jedermann den bisher nicht möglichen direkten Zugang zum elektronischen Notenbankgeld zu ermöglichen». Der prominenteste Kopf hinter diesem Ansinnen: Hypothekarbank-CEO Marianne Wildi. Sie fordert: «Die Schweiz ist Vorreiterin in der Blockchain-Technologie. Sie sollte einen Krypto-Franken einführen und hier vorangehen».

Digitaler Franken – aber wie?

Wie eine Einführung eines E-Frankens und SNB-Girokonten im Detail genau aussehen würde und welche Auswirkungen ein solcher Schritt auf die Geschäftsbankenwelt hätte, darüber lässt sich zum heutigen Zeitpunkt nur spekulieren. Es gibt grob gesagt zwei verschiedene Arten, wie ein System mit einer durch die Nationalbank herausgegebenen Digitalwährung konzipiert sein könnte.

Denkbar wäre: Die Nationalbank bietet direkt oder aber indirekt über die Geschäftsbanken ein SNB-Girokonto an. Die Vermögenswerte wären in Form von Daten auf einer zentralen Datenbank gespeichert, sprich der E-Franken wäre letztlich ein Eintrag in einem zentral organisierten Buchungsregister bei der Zentralbank. Transaktionen würden so durch Eingabe einer Zahlungsanweisung auf einer Web- oder Smartphone-Applikation ausgeführt. Eine jeder Zahlungsauftrag müsste durch das zentrale System verifiziert werden.

Aus Sicht der Privatperson bedeutete dies: Wer über ein SNB-Girokonto verfügt, ist nur scheinbar im Besitz der eigenen E-Franken – genauso wenig wie man auch heute nicht Eigentum am bei einer Geschäftsbank hinterlegten Buchgeld hat. Da die E-Franken «bloss» als Buchungseinträge in einer zentralisierten Datenbank lagern, können Transaktionen sogar zensuriert werden. So wäre hypothetisch möglich: Unangebrachte Transaktionen an unerwünschte Gruppierungen beispielsweise könnten boykottiert werden. Auch wenn solches unwahrscheinlich erscheint, ganz ausgeschlossen werden kann es nie. Auch dürfte die Einführung nominaler Negativzinsen durch eine Zentralbank einfacher sein, insbesondere dann, wenn mit der Implementierung des E-Frankens das Bargeld abgeschafft würde.

Anders sähe es aus, wenn der E-Franken als digitaler Token mithilfe der Blockchain- oder – etwas allgemeiner formuliert – der «Decentralized-Ledger-Technologie» (DLT) ins Leben gerufen würde. Auf diese Weise wäre der E-Franken, was in der Fachsprache ein «Digital Bearer Instrument» genannt wird. Im Gegensatz zu Nachrichten, Musikstücken oder Fotos, deren digitale Versionen beliebig vermehrt werden können, definiert sich ein «Digital Bearer Instrument» darüber, digitales Eigentum an einer Sache zu sein, welches gleichzeitig niemand anderes Eigentum sein kann. Der E-Franken existierte so als digitales Besitzstück, über das man via privaten Zugangsschlüssel eigenständig verfügen könnte. Damit wäre er nicht nur ein Buchungseintrag bei einer Drittpartei. Privatpersonen könnten ihre E-Franken in einer privaten Wallet – einer digitalen Geldbörse – aufbewahren.

Blockchain und Zentralbanken – eine sinnvolle Kombination?

Das bekannteste und erste «Digital Bearer Instrument» war Bitcoin. Wäre ein E-Franken basierend auf der Blockchain-Technologie somit das gleiche wie Bitcoin – nur besser, weil er eben von der Zentralbank herausgegeben wird?

Aus Sicht der Zentralbank liesse sich mit dem Einsatz einer DLT die Ausfallsicherheit erhöhen, da durch die Dezentralisierung des Netzwerkes ein «Single-Point-of-Failure» vermieden werden kann. In gewisser Weise würde diese zweite Variante dem heutigen Bargeldsystem ähneln. Genau wie mit Cash wäre eine direkte und endgültige Abrechnung, letztlich also sogenannte erlaubnisfreie Transaktionen möglich. Zahler und Zahlungsempfänger wären somit nicht von einem Dritten abhängig. Ob die Anonymität in gleichem Ausmass gegeben wäre, scheint zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht klar. Die Daten könnten kryptografisch verschlüsselt werden und über sogenannte «Zero-Knowledge-Proofs» dürfte gleichwohl sichergestellt werden, dass ein Konsens über die Gültigkeit der Transaktionen innerhalb des E-Franken-Netzwerkes erreicht werden kann. Die zusätzliche Verschlüsselung erhöhte jedoch die Komplexität und liesse daher Fragen zur Geschwindigkeit und Skalierbarkeit solcher Systems aufkommen. Gegen diese zweite Variante dürften auch Stimmen laut werden, welche die in der heutigen Anonymität von Bargeldzahlungen gerade einen Anachronismus sehen, den es kaum weiterzuführen gälte.

In dieser Diskussion gilt es allerdings, die einzelnen Begriffe der Klarheit wegen auseinanderzuhalten: Zwischen einer Digital- und einer Kryptowährung gibt es einen entscheidenden Unterschied: Kryptowährungen wie Bitcoin entziehen sich jeglicher Kontrolle durch eine Zentralinstanz, während eine Digitalwährung, wie ein durch die Schweizer Nationalbank herausgegebener E-Franken, eben durch die Zentraleinheit beliebig gesteuert, einfacher besteuert und notfalls manipuliert werden kann. Alle Netzwerkteilnehmer des Blockchain-Netzwerkes dürften der Nationalbank bekannt und durch sie eingesetzt sein, um auf diese Weise die letztgültige Kontrolle über das System beizubehalten. Noch immer hätte die SNB die Möglichkeit, das Angebot eines solchen digitalen Frankens bei Bedarf zu inflationieren. Daran würde auch ein E-Franken nichts ändern.

Bitcoin: Geld, Gold oder Garnichts?

Bitcoin wird von einigen als digitale Alternative zu Gold angesehen wird, da die Kryptowährung dem gelben Edelmetall nachempfunden sein soll. Nicht selten wird Bitcoin daher als das digitale Gold bezeichnet.

Ähnlich wie Gold müssen auch Bitcoin geschürft werden, nur eben digital. Die Herstellung neuer Bitcoin erfordert die Aufwendung externer Energie (Strom) und verursacht deshalb Kosten. Je mehr Bitcoin man schöpfen möchte, desto stärker steigen deren Grenzkosten in der Produktion. Dem Bitcoin liegt also eine digitale Knappheit zugrunde. Im Unterschied zu Gold ist Bitcoin allerdings auf eine absolute Gesamtmenge begrenzt, die durch den Bitcoin-Programmiercode festgelegt ist: So wird es nie mehr als 21 Millionen Bitcoin geben, die allesamt im Jahr 2140 geschürft sein sollten. Bitcoin ist so programmiert, dass ungefähr alle zehn Minuten eine gewisse Anzahl neue Bitcoin geschaffen wird. Seit der Entstehung 2008 nimmt diese Menge neugeschaffener Bitcoin alle vier Jahr um die Hälfte ab. Heute sind wir bei 12,5 Bitcoin – 2020 werden es noch 6,25 sein, 2024 noch 3,125 und so weiter.

Ist Bitcoin Geld?

Neben Gold wird Bitcoin auch als Geld beschrieben. Doch ist es das überhaupt? Und ist Gold etwa Geld? Die Verwirrung scheint heute schon perfekt zu sein und Bitcoin verkompliziert die Geldtheorie nur noch mehr.

In den Worten des wohl scharfsinnigsten Geldtheoretikers des 20. Jahrhundert, Ludwig von Mises, ist Bitcoin am ehesten als Zeichengeld zu beschreiben, das ein Sachgeld technisch imitiert. Die bedeutendsten Sachgelder sind Gold und Silber. Da ein Sachgeld in seinem natürlichen Vorhandensein knapp ist, steigen dessen Grenzkosten in der Produktion schneller, als dies bei anderen Gütern der Fall ist. Im Vergleich zu gewöhnlichen Gütern, ist die Skalierung eines Sachgeldes somit deutlich schwerer.

Ob Bitcoin als Geld angesehen werden kann, hängt letztlich von den Definitionen ab. Der heute gesellschaftlich dominierende Tenor des Positivismus wertet Bitcoin nicht als Geld. Dem positivistischen Ansatz zufolge ist nur Geld, was durch staatliche Institutionen gesetzlich als Geld anerkannt und eingesetzt ist – die staatlichen Währungen also.

Nimmt man eine andere Perspektive ein, wonach Macht nicht vor Recht gehen muss und Geld nicht zwingend nur deshalb Geld ist, weil es durch ein gesetzliches Mandat alias Zwang verordnet ist, kann man sich dieser Frage wiederum auch mit der Brille des Ökonomen von Mises nähern. Dieser nennt Geld das allgemein akzeptierte Tauschmittel. Auch dieser Definition folgend müsste man zum Schluss kommen, dass Bitcoin wahrscheinlich kein Geld ist. Denn allgemein akzeptiert sind heute ebenfalls die staatlichen Währungen – wesentlicher Grund dafür ist wiederum deren gesetzliche Privilegierung.

In der Diskussion mit eingefleischten Bitcoin-Jüngern ergibt sich allerdings ein anderes Bild. Schon seit einigen Jahren findet die Kryptowährung in der Community als Tauschmittel Verwendung. Darüber hinaus wird sie sogar als Lohnbestandteil akzeptiert. Auch als Wertaufbewahrungsmittel setzen nicht wenige auf den Bitcoin. In den Augen der Bitcoin-Enthusiasten bestehen keine Zweifel: Bitcoin ist Geld.

Wie also ist dieses vermeintliche Dilemma aufzulösen? Eine Antwort findet sich bei Friedrich August von Hayek, einem österreichischen Ökonomen, der sich selber auch als Philosoph, Anthropologe und Historiker gesehen hat. In seinem Werk «Die Entnationalisierung des Geldes» weist er auf folgenden weit verbreiteten Irrtum hin: Geld werde gemeinhin als Nomen verwendet, obschon man den Begriff eigentlich als Adjektiv verstehen müsse, so Hayek.

Nach Hayek gibt es also vielmehr eine «Geldigkeit» von Dingen, da Geld letztlich eine Eigenschaft ist, welche die verschiedensten Güter aufweisen können. Geld ist keine in Stein gemeisselte Grösse, die auf Erlass ein für alle Mal festgelegt werden sollte. Denn Menschen befinden sich stets in den verschiedenartigsten Kontexten und sehen sich daher mit den unterschiedlichsten Problemstellungen konfrontiert, weshalb sie unterschiedliche Antworten als Lösungen betrachten und unterschiedliche Angebot daher auch unterschiedliche Funktionalitäten haben.

In Anlehnung an die Theorie der subjektivistischen Wertlehre liegt die Frage «was Geld denn ist» durchaus im Auge des jeweiligen Betrachters. Das bedeutet jedoch nicht, dass gutes Geld völlig beliebig ist. So scheint es in der realen Welt durchaus gewisse Eigenschaften zu geben, die zur Folge haben, dass wenn ein Mittel über diese verfügt, es zur Erreichung eines bestimmten Ziels besser geeignet ist als ein Mittel ohne diese Eigenschaften.

Was Geld zu Geld macht

In Sachen Geld besteht das Hauptziel wohl darin, einen Wert bzw. Nutzen oder auch Kaufkraft zu behaupten – und das über eine möglichst lange Zeitperiode. Das Abstraktum «Geld» wird daher als Geld bezeichnet, weil dessen Grenznutzen im Vergleich zu allen anderen Nicht-Geldgütern am wenigsten stark abnimmt, da es sich bei Geld per Definition um das marktgängigste Gut handelt. Folgendes Beispiel verdeutlicht dies: Einen Korb voller Brot nehme ich gerne entgehen, einen zweiten und dritten wohl auch noch. Ein vierter, fünfter und sechster Brotkorb scheint mir schon weniger wert zu sein, da ich dafür jede weitere Einheit an Brot weniger Verwendung sehe. Das ganze Brot wird ungeniessbar, ehe ich es konsumieren kann. Das Brot im Tausch gegen andere Güter zu veräussern, ist ebenfalls mit Kosten verbunden.

Ein Koffer voller IPhone X ist mir da schon lieber, ist das Smartphone doch weniger schnell vergänglich als das Brot. Aufgrund der höheren Absatzfähigkeit (Marktgängigkeit) würde ich wohl einige IPhone X entgegennehmen. Doch letztlich sind auch diese in ihrer Absatzfähigkeit begrenzt, weshalb der Grenznutzen eines jeden zusätzlichen IPhones fallen muss.

Interessanterweise scheint der Grenznutzen für zusätzliche Geldeinheiten kaum zu fallen. Mehr Geld scheint immer gut zu sein, gerade weil es über die höchste Absatzfähigkeit verfügt und diese dauerhaft ist. Aufgrund des weniger stark abnehmenden Grenznutzens werden Geldgüter deshalb gehortet. Das führt zu relativ grossen Lagerbeständen. Das Verhältnis zwischen Lagerbestand und Produktion nennt man in der Ökonomik das Stock-to-Flow-Verhältnis. Der Stock beschreibt die Lagerbestände, während der Flow das in einem Jahr neugeschaffene Angebot des jeweiligen Gutes umschreibt. Edelmetalle haben bis heute das allerhöchste Verhältnis. Dies dokumentieren Jahrtausende des Hortens.

Während Gold ein Stock-to-Flow-Verhältnis von ca. 64 Jahren besitzt, liegt dasjenige von Bitcoin derzeit bei ungefähr 25 Jahren. Das heisst: Mit Rücksicht auf die aktuelle Jahresgoldproduktion bräuchte es 64 Jahren, um die Gesamtheit aller Geldvorräte zu produzieren. Bei Bitcoin wären momentan 25 Jahre vonnöten. Das Stock-to-Flow-Verhältnis von Bitcoin wird sich allerdings in Zukunft erhöhen, da sich die Anzahl neugeschaffener Bitcoins pro Zehn-Minuten-Intervall alle vier Jahre halbiert. Im Jahr 2024 wir das Stock-to-Flow-Verhältnis von Bitcoin ungefähr bei 119 Jahren liegen. Das Stock-to-Flow-Verhältnis von Bitcoin wird dann ceteris paribus um etwa das Doppelte höher sein, als dasjenige von Gold. Für einige macht dies Bitcoin zum ultimativen Wertaufbewahrungsmittel, das preistechnisch künftig sogar Gold überlegen sein soll.

Niemandes Verpflichtung

Die wesentlichste Gemeinsamkeit zwischen Gold und Bitcoin liegt jedoch darin, dass sie innerhalb der symbolischen Vertrauenspyramide der Finanzwelt auf ziemlich gleicher Stufe anzusiedeln sind. Folgende schematische Illustration stammt vom amerikanischen Ökonomen und ehemaligen Vizepräsidenten des New Yorker Fed John Exeter und ist durch Bitcoin ergänzt:

Der ungarische Ökonom Antal Fekete sieht Gold als bedeutendstes Instrument für den Lackmustest des Vertrauens bei Finanzgeschäften. Für ihn bedarf es keines Vertrauensaktes, wenn Gold bei Transaktionen verwendet wird sowie auch keines gesetzlichen Zwanges. Für Bitcoin gilt ähnliches (Ohne Vertrauen kommt auch Bitcoin nicht aus, siehe hier). Der springende Punkt ist: Wie physisches Gold kann auch Bitcoin nicht durch eine Zentralbank inflationiert werden. Weder Gold noch Bitcoin sind jemand anderes Verpflichtung, weshalb sie kein unmittelbares Gegenparteirisiko aufweisen. Wer seine Bitcoin auf einem Hard-Wallet oder seine physischen Goldmünzen zuhause hat, kann auf diese immer Zugreifen und ist nicht auf eine Drittpartei angewiesen. Darüber hinaus sind staatliche Währungen letztlich eine Verpflichtung der Zentralbank. Diese Verpflichtung befindet sich auf der Passiv-Seite der Zentralbankenbilanz. Ihr sind Vermögenswerten auf der Aktiv-Seite gegenübergestellt. Der Schwarze Schwan an der Sache: Verlieren die Vermögenswerte an Wert, hat dies Auswirkungen auf die Verpflichtung bzw. das Vertrauen in die staatliche Währung (genauere Ausführungen zu dieser Thematik, siehe hier).

Eine Kampfansage an Gold?

Aufgrund der Ähnlichkeiten sehen einige Gemüter die Stellung von Gold durch Bitcoin bedroht. So wird spekuliert, dass Gold einen Grossteil seiner Marktkapitalisierung künftig an die Kryptowährung verlieren könnte. Noch liegen die beiden weit auseinander: Während die Marktkapitalisierung von Bitcoin bei etwas über 100 Milliarden Dollar liegt, macht diejenige von Gold über sieben Billionen Dollar aus.

Was spricht dafür, dass Bitcoin – vielleicht sogar auf Kosten des Edelmetalls – immer mehr Boden gegenüber Gold gutmachen könnte? Es ist der Umstand, wonach unser Leben zunehmend digitaler wird. Mit der Entstehung des Internets und der Etablierung von E-Mail hat sich die zwischenmenschliche Kommunikation grundlegend verändert. Heute ist E-Mail bereits out – wohin gegen die direkte Kommunikation in Echtzeit, wie diese von Instant-Messenger aller Art ermöglicht wird, nicht mehr wegzudenken ist. Mit Bitcoin steht eine neue digitale Revolution an: Die Art und Weise, wie Menschen Werteinheiten online teilen.

Für immer mehr Menschen wird das Digitale zur Selbstverständlichkeit (was nicht ohne Gefahren ist). Allen voran die Millennials nehmen hier eine entscheidende Rolle ein. Als «digital natives» ausgewachsen, pflegen und hegen sie von Grund auf einen digitalen Lebensstil. Auf jene Generationen, die nicht in der digitalen Welt aufgewachsen sind, mögen Bitcoin und Kryptowährungen surreal und kurios wirken. Nicht so auf das Gros der sogenannten Google-Kids. Genauso wie sich gewisse weibliche Millennials heute schon zum Valentinstag mehr über einen digitalen, per Smartphone empfangenen Blumenstrauss freuen können, könnte dieser Generation das digitale Gold in Form von Bitcoin realer erscheinen als das echte Gold.

Eine fruchtbare Symbiose?

Die Zukunft muss allerdings nicht zwingend einen bitteren Kampf um die Vormachtstellung zwischen Gold und Bitcoin bringen. Denn letztlich haben beide ihre Trade-Offs. Aufgrund seiner digitalen Natur lässt sich Bitcoin – anders als Gold – auch in grossen Mengen bequem um die ganze Welt verschicken. Auch erschwert die virtuelle Beschaffenheit wohl staatliche Konfiszierung. Andererseits setzt Bitcoin technisches Flair und Knowhow voraus und ist im Vergleich zu Gold anfälliger auf einen potenziellen Strom-Super-GAU. Insofern legt eine sorgfältige Analyse nahe: Gold und Bitcoin stehen nicht im Wettstreit zueinander, sondern ergänzen sich vielmehr. So lassen sie sich auch kombinieren, um das Beste aus beiden Welt zu bekommen. In eine ähnliche Richtung gehen auch sogenannte durch Gold gedeckte Kryptowährungen.

Um tatsächlich als solide Ergänzung zu Gold wahrgenommen zu werden, wird sich der Bitcoin über die nächsten Jahre bis Jahrzehnte noch beweisen müssen. Gold hat seine Werthaltigkeit über mehrere tausend Jahre bewiesen und ist deshalb zu einer Art unabhängige Reserve-Anlage aufgestiegen. Bitcoin seinerseits ist heute gerade mal etwas mehr als neun Jahre jung. Kritiker von Bitcoin weisen zu Recht darauf hin, dass die Kryptowährung bislang nur ein ungewöhnliches Marktumfeld kennt. So haben Zentralbanken in den vergangenen zehn Jahren – also während der Lebensdauer von Bitcoin – mit ihrer ultraexpansiven Geldpolitik für einen allgemeinen Aufschwung bei allerlei Vermögenswerten gesorgt. Gleichzeitig haben sie die Marktvolatilität in den Keller gedrückt und die Risikoeinpreisung auf den Finanzmärkten de facto eliminiert. Wie sich Bitcoin in einem anderen Marktumfeld verhalten würde, ist bis zum heutigen Zeitpunkt ungeklärt. Die kommenden Jahre werden es wahrscheinlich zeigen.

Bitcoin: when Mainstream?

Seit Jahresbeginn hat der Bitcoin weit über die Hälfte seines Kurses eingebüsst. Andere Krypto-Assets sind sogar noch mehr gefallen. Zwar hat sich der König der Krypto-Welt in den vergangenen Monaten ab und an ein wenig aufgebäumt – bislang allerdings erfolglos waren die jeweiligen Kurssteigerungen doch stets innert einigen Tagen wieder dahin. Ob der jüngste Preisanstieg vor ein paar Tagen das Erwachen oder doch nur ein kleines Husten ist, wird sich zeigen.

Noch immer ist der Krypto-Markt hauptsächlich von Privatanlegern bevölkert. Institutionelle Anleger, allen voran die Wall Street, sind abgesehen von ein paar wenigen Hedge-Fonds nicht investiert. Meldungen wie jene von BlackRock vor ein paar Tagen lassen zwar erahnen, dass das Interesse da ist, konkrete Schritt zur professionellen Anlage seitens der Institutionellen werden aber kaum getätigt.

Dieser Umstand wurde seit jeher von vielen Krypto-Enthusiasten als wunderbarer Glücksfall angepriesen, bedeutet dieser doch, dass der einfache, wenn auch digital versierte Mann von der Strasse für einmal vor den Banken, Vermögensverwaltern und Pensionskassen in einer Anlageklasse investiert ist.

Mittlerweile ist die Situation rund um die Krypto-Investments für viele Privatinvestoren allerdings immer mehr zum nervenauftreibenden Geduldspiel geworden. Wurde die Abwesenheit institutioneller Akteure anfangs noch glorifiziert, scheint deren anhaltendes Fernbleiben langsam zu beunruhigen. Immer mehr Involvierte sehnen daher den Eintritt der institutionellen Investoren herbei. Denn bereits seit Monaten hiesse es, dass institutionelle Anleger an der Seitenlinie stehen und den richtigen Zeitpunkt abwarten würden. Beispielsweise hat die von Nasdaq betriebene Krypto-Handelsbörse DX offenbar bereits über 500’000 Nutzer registriert und das noch vor der Markteinführung, die Ende Juni war. Auch der kürzlich erschienene Capgemini World Wealth Report widmete den Krypto-Assets ein ganzes Kapitel, in dem davon berichtet wird, dass Krypto und die Blockchain bei sehr vermögenden Kunden weltweit auf grosse Aufmerksamkeit stossen würde.

Wann öffnen die Schleusen?

Dass institutionelle Anleger Krypto-Assets noch nicht angefasst haben, scheint einige insbesondere vor dem Hintergrund des globalen Anlagenotstandes zu verwundern. Die Zentralbankeninterventionen der vergangenen Jahre haben die Preise vieler Anlagegüter immens aufgebläht und deren Renditen schmälern lassen. Mit Bitcoin und den Krypto-Assets ist just in dieser Zeit eine neue Anlageklasse geboren – warum aber wurde diese von der nach Rendite lechzenden Finanzwelt nicht als aussichtsreiche Investitionsmöglichkeit aufgenommen?

Bis 2017 wurde Bitcoin mehrheitlich ignoriert. Nur logisch, dass von institutioneller Seite niemand über ein Investment nachdachte. Heute jedoch ist Krypto der ganzen Welt ein Begriff und gleichwohl scheinen institutionelle Anleger noch immer ihre Finger davon zu lassen. Die Gründe sind wohl vor allem in der Unausgereiftheit des Marktes zu finden. So gibt es noch zu wenige sogenannte Onramp-Möglichkeiten. Die Mehrheit der Banken verfügt weder über ein Research- noch ein Trading-Desk für Krypto-Assets. Zudem sind auch die Verwahrungsoptionen, sogenannte Storage-Lösungen, kaum vorhanden. Niemand möchte Krypto-Assets im Wert von mehreren Millionen Dollar einfach auf einem gewöhnlichen Hard-Wallet lagern.

Jene Akteure, die sich bereits eine gewisse Krypto-Infrastruktur aufgebaut haben, sind noch zu unbekannt – es fehlt ihnen der Track-Record. Denn geht es um Finanzen und Investments, sind Leumund und Erfahrung zur Vertrauensbildung unerlässlich. Angesichts der Sicherheits- und Betrugsrisiken, von denen man im Zusammenhang mit Krypto immer mal wieder hört, ist die Zurückhaltung vonseiten institutioneller Investoren nachvollziehbar. Dass die rechtliche Situation in vielerlei Hinsicht noch nicht abschliessend geklärt ist, verschärft die Problematik zusätzlich.

Ebenfalls abschreckend auf institutionelle Investoren wirkt die nach wie vor hohe Volatilität des Krypto-Marktes. Preisschwankungen von bis zu zwanzig Prozent innerhalb von nur wenigen Stunden sind bei Bitcoin keine Seltenheit, während andere Krypto-Assets noch eine viel schlechter Bilanz haben. Als die US-Aktien im Februar dieses Jahres um lediglich fünf Prozent tauchten, versetzte das die Wall Street bereits in grosse Aufruhr. Derartige Preisfluktuationen können sich institutionelle Anleger schlichtweg nicht leisten.

Doch ist ihnen nicht nur die Volatilität ein Dorn im Auge, sondern auch die Unberechenbarkeit des Gesamtmarktes. Gerade weil der Krypto-Markt seinen eigenen Regeln zu folgen scheint, ist er gegenüber den traditionellen Märkten zwar unkorreliert, dafür aber auch weniger gut ein- und abzuschätzen. Für einen institutionellen Akteur etwas ungemütlich: Was, wenn ich als Pensionsgesellschaft liquide Mittel benötige und ich mich zu einem Verkauf meiner Krypto-Assets gezwungen sehe? An einem guten Tag kann ich das Krypto-Asset mit einem astronomisch hohen Gewinn verkaufen. An einem schlechten Tag hingegen verliere ich eine echte Stange Geld, das Tausenden von Rentnern gehört.

Gegen die Volatilität wird oft das Argument ins Feld geführt: Ist der Markt erst einmal erwachsen und verfügt über eine genügend hohe Markttiefe, werden sich auch die Preise stabilisieren. Ob das stimmt, wird die Zeit zeigen. Letztlich handelt es sich hier um die berühmte Huhn-Ei-Problematik: Soll der Krypto-Markt endgültig entbunden, erwachsen und somit zu einer anerkannten, preisstabilen Anlageklasse werden, benötigt er die Liquidität institutioneller Investoren. Zurzeit halten sich diese jedoch gerade aufgrund der Volatilität fern.

Kein passives Einkommen

Bitcoin sowie die meisten anderen Krypto-Assets haben allerdings noch einen anderen gewichtigen Nachteil, der ihnen inhärent ist: Es lässt sich mit ihnen kein passives Einkommen erzielen. Ein solches ist für institutionelle Investoren wie Pensionskassen, Anlagefonds und Versicherung jedoch eminent wichtig. Sie alle haben regelmässige Zahlungen zu leisten. Deren Geschäftsmodell besteht am Ende des Tages darin, mit ihren Investitionen genügend Geld zu verdienen, um Rentner- Investoren- und Versicherungsansprüche decken zu können.

Ob Dividenden aus Aktien oder Zinszahlungen durch Anleihen, die traditionellen Anlagevehikel ermöglichen ein regelmässiges, indirektes Einkommen, womit institutionelle Anleger ihre Auslagen finanzieren können. Aktien und Anleihen müssen nicht verkauft werden, um für den Inhaber finanziell profitabel zu sein. Bitcoin vermag dieses so wichtige indirekte Einkommen für institutionelle Investoren nicht zu leisten, ausser man beteiligt sich am Bitcoin-Mining.

Eine Möglichkeit zur Erzielung eines indirekten Einkommens bietet das sogenannte Staking, welches durch «Proof-of-Stake» ermöglicht wird, ein alternativer Konsensus-Algorithmus zum «Proof-of-Work»-Algorithmus von Bitcoin. Staking erlaubt es gewissermassen eine Rendite für «gestakte» Coins zu erzielen. Vor diesem Hintergrund wäre zu erwarten, dass institutionelle Investoren – wenn überhaupt – auf Krypto-Assets setzen werden, welche ein solches Staking ermöglichen. Einer möglicher Grund also, weshalb Ethereum, das von «Proof-of-Work» auf «Proof-of-Stake» zu wechseln plant, in der «Corporate World» auf grössere Akzeptanz zu stossen scheint.

Ist es somit vor allem die ungünstige Beschaffenheit von Bitcoin und anderen Krypto-Assets, welche institutionelle Anleger an einem Investment hindert? Wir können nur spekulieren. Ganz unplausibel wäre eine solche Annahme jedoch nicht, wonach Krypto-Assets als neue Anlageklasse bei institutionellen Anlegern nicht auf Anklang stossen, eben weil sie aus deren Sicht eben keine Assets sind. Das wäre eine bittere Pille für die so hoffnungsvolle Krypto-Community.

Mit Sicherheit sind auch die Preise ein Problem. Denn anders als bei herkömmlichen Vermögenswerten hat man sich bei den Krypto-Assets noch kaum auf einheitliche Bewertungsgrundlagen geeinigt. Da Bitcoin und andere Krypto-Protokolle keinen kontinuierlichen Cash-Flow generieren, taugen traditionelle Bewertungsmodelle wie das Discounted-Cash-Flow-Verfahren wenig.

Neue Methoden werden bereits diskutiert. So wird versucht, das Potenzial der Marktdurchdringung eines Krypto-Assets zu evaluieren, um mögliche Netzwerkeffekte abzuschätzen. Dabei greift man auf eine Faustregel des Metcalfe’schen Gesetzes über das Kosten-Nutzenverhältnis von Kommunikationssystemen zurück. Die Schwierigkeit hier: Wie sollen die Marktdurchdringungspotenziale sinnvoll eruiert werden, wenn kaum klar ist, welchen Markt die Protokolle dereinst einmal bedienen werden? Eine andere häufig gewählte Art der Bewertung basiert auf der Einschätzung der Entwicklerteams eines Krypto-Assets. Doch diese sind hoch subjektiv. Die wenigsten Investoren kennen die jeweiligen Entwickler persönlich. Da das Krypto-Phänomen noch so jung ist, verfügen die wenigsten Blockchain-Entwickler über einen aussagekräftigen Leistungsausweis.

Es muss nicht kommen, wie es kommen muss

Sind Krypto-Assets deshalb abzuschreiben? Wir wissen es nicht. Was wir aber wissen: Auch wenn Krypto-Assets aufgrund ihrer Beschaffenheit nach heutigen Standards keine Assets sind, muss das nicht heissen, dass dies für immer so bleiben muss. Nicht zuletzt deshalb wird dem Modell der Security-Tokens eine grosse Zukunft vorausgesagt.

Doch selbst für den Bitcoin stehen die Zeichen gut. Denn wie so oft im Leben geht es nicht rein um «fill» oder «kill» bzw. «schwarz» oder «weiss. 98 Prozent unserer Gesellschaft haben auch kein Interesse an Zweimarktpolicen, Antiquitäten, Oldtimern, Katastrophenanleihen oder Mikrofinanz. Und doch sind diese Anlageklassen das zehn-, hundert, oder gar tausendfache der Marktkapitalisierung von Bitcoin. Wie die Portfolio-Perspektive zudem zeigt: Bitcoin zeigt nach wie vor so gut wie keine Korrelation zu herkömmlichen Vermögensklassen. Aufgrund solcher (und anderer) einzigartigen Charakteristika wird Bitcoin auch ohne breite Mainstream-Adoption zusätzliches Potenzial haben. Es ist überhaupt nicht nötig, dass Bitcoin im Jahr 2023 das dominierende Zahlungsmittel ist – das Beispiel von Gold veranschaulicht diesen Umstand auf eindrückliche Weise. Eine stabile Nische mit ein paar 100’000 Investoren reicht völlig aus, um den Preis von Bitcoin noch um einiges in die Höhe zu treiben. Auch wenn das Gros der institutionellen Investoren dem Bitcoin fernbleiben sollte, hätte das einen entscheidenden Vorteil, würde das doch bedeuten: Die Korrelation zu den von institutionellen Anlegern dominierten Anlageklassen dürfte auf einem überschaubaren Niveau verharren. Sollte sich die Bitcoin-Blockchain dann auch über mehrere Dekaden als unangreifbar erwiesen haben, dürfte dieser Umstand in Kombination mit einer anhaltenden Nicht-Korrelation noch so manch vernünftigen Privatinvestor dazu bewegen, Bitcoin im Portfolio-Kontext nicht länger zu ignorieren.

Gegenreaktion mit Revolutionspotential

Das Erscheinen des Bitcoin-Whitepapers unmittelbar nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise 2008 ist kaum als blosser Zufall zu werten. Der Finanzkollaps liess im Zuge der Ereignisse eine Frage wieder stärker in den Vordergrund treten: Geld regiert die Welt, doch wer regiert das Geld? Laut Satoshi Nakamoto, dem Pseudonym hinter Bitcoin, sind es die Zentral- und Geschäftsbanken dieser Welt.

Mit dieser Feststellung scheint Nakamoto nicht falsch zu liegen. Angefangen mit der industriellen Revolution hat die stetig wachsende Verflechtung zwischen Industrie, Staat und Banken ihren Lauf genommen. Immer grössere Industrieräume und -projekte bedingten eine immer stärkere Finanzmarktintegration und damit die Zentralisierung von Vertrauensstrukturen. Mit der digitalen Internetrevolution sind diese zentralisierenden Dynamiken bislang nochmals um einiges verstärkt worden. Der wohl grösste Nutzen dieser beeindruckenden Finanzialisierung: eine unglaubliche, noch nie dagewesene Wohlstandsexplosion in denjenigen Gebieten, wo dieser Prozess am weitesten vorangeschritten ist. Doch Nakamoto beleuchtet die Schattenseite dieser Entwicklung. So weist er darauf hin, dass Zentral- sowie Geschäftsbanken ihre hohe Stellung und das Vertrauen, das ihnen im Laufe der Zeit zugekommen ist, immer wieder missbraucht hätten.

Auch in diesem Punkt ist Nakamoto durchaus Recht zugeben. Immer mehr scheint ein Finanzkartell von Geschäfts- und Zentralbanken in Gott spielerischer Manier die Finanz- und Realwirtschaft minutiös administrieren und steuern zu wollen. Passieren Fehler, die angesichts der unlösbaren Steuerungs- und Lenkungsaufgabe zwingend sind, werden die Verluste der Allgemeinheit aufgebürdet oder über inflationistische Tarnmittel sozialisiert, während die Gewinne privatisiert werden.

Eine langersehnte Alternative

Als universeller, abstrakter Wertträger kommt dem Geld in unserer von Ungewissheit und Zufall geprägten Welt eine tragende Rolle zu. Denn liquide Mittel helfen uns für die ungewisse Zukunft und deren unerwartete Ereignisse vorzusorgen. Wird Geld bzw. die Verfügbarkeit und der Wert desselben unsicherer – eine Tatsache, die uns durch etliche Bank-Runs, die Rationierung von Bargeldabhebungen in Griechenland oder das komplette Einfrieren von Bankkonten in Zypern im Zuge der Finanzkrise vor Augen geführt wurde – steigt die Ungewissheit und damit das Gefühl schlummernder Hilflosigkeit. Die Suche nach Alternativen beginnt und führte schliesslich zur Entdeckung Bitcoins.

Doch nicht nur eine zunehmende Ohnmacht hinsichtlich Zukunftsangelegenheiten kann als problematischer Auswuchs unseres heutigen Finanzsystems angesehen werden. Eine weitere Problematik unserer zentralisierten Finanzstrukturen wird auch an einem anderen Beispiel ersichtlich.

Wikileaks ist eine der kontroversesten Organisationen überhaupt. Unterstützer argumentieren, dass sie mächtige Institutionen zur Rechenschaft ziehen würde, indem sie Informanten befähigt, anonym Beweise für unethisches Verhalten zu veröffentlichen. Kritiker halten dagegen, Wikileaks würde so nationale Sicherheit und internationale Beziehungen von Ländern bedrohen und gleichzeitig nur sehr ungleichmässig gegen Grossmächte vorgehen. Beide Ansichten haben denn auch einen Kern Wahrheit. Als Folge dieser Kontroverse begannen 2010 sodann mehrere der weltweit größten Zahlungsanbieter, darunter Visa, Master Card, Bank of America, PayPal und Western Union, Spendengeldzahlungen für Wikileaks einzustellen. Für die gemeinnützige Organisation, die auf Spenden angewiesen ist, war das ein herber Schlag. Das Unterbinden der Spendengeldzahlungen entbehrte jeglicher Rechtsgrundlage – Wikileaks war auch nicht wegen irgendeiner Straftat angeklagt, geschweige denn verurteilt worden. Selbst einige Kritiker mussten widerwillig zugeben: Diese Art von Zensur ist als gefährlicher Präzedenzfall zu werten.

Der Leser mag sich vielleicht nicht für Wikileaks interessieren. Letztlich handelt es sich dabei jedoch nur um ein Veranschaulichungsbeispiel. Es gibt unzählige andere gemeinnützige Organisationen, die anderen Interessensgruppen ein Dorn im Auge sind. Ob eine allgemein unbeliebte Organisation auf einer schwarzen Liste landet, hängt vielfach davon ab, wie das Tauziehen und die Ränkespiele im Polit-Zirkus ausgehen. Was also, wenn plötzlich eine Vereinigung unter die Räder gerät, die einem persönlich lieb ist?

Nicht nur mittels Zensur werden gewisse Parteien durch unser modernes Finanzsystem ausgeschlossen. Weltweit gelten immer noch zwei Milliarden erwachsene Menschen als «unbanked» und verfügen nicht einmal über ein einfaches Giro- oder Sparkonto, geschweige denn einen Zugang zu einem elektronischen Zahlungssystem wie Visa oder Master Card. In unmittelbar wird sich das auch nicht ändern, da traditionelle Banken aufgrund der herrschenden Sachzwänge kaum Anreize haben, diese Menschen grossflächig mit Dienstleistungen zu bedienen. Natürlich wird auch Bitcoin die genannten zwei Milliarden Menschen nicht von heute auf morgen aus der Armut herausholen. Schreitet die Technologie voran, dürfte diesen Menschen dennoch erstmals eine Tür offenstehen, die es bislang noch nicht gegeben hat.

Bitcoin und damit die breitere Krypto-Welt sind daher in ihren Ursprüngen ein Versuch, eine mögliche Alternative für oder gar Antwort auf die eben beschriebenen Entwicklungen und Probleme unseres Finanzsystems zu bieten. Insofern kann dieses neuartige Phänomen als eine Art Geld- oder Finanzreform gesehen werden. Doch unterscheidet sich diese «Reform» von anderen politisch motivierten, zentral orchestrierten Unterfangen wie Konventionalgelder, Vollgeld oder globalen UNO-Finanzreformen. Bitcoin wurde von keiner Partei lanciert, stieg ausserhalb der bestehenden Finanzstrukturen auf und erlangte seine zunehmende Bedeutung auf spontanem Weg durch den Zuspruch und die Wertschätzung einzelner Individuen. Es sind diese Punkte, die Bitcoin und Krypto im Allgemeinen weitaus erfolgreicher machen werden als konventionelle Geldreformen. Als Alternative bricht Bitcoin die eingesessen, zentralisierten Vertrauensstrukturen unseres Finanzsystems auf. Noch scheinen diese unsere Finanzmöglichkeiten nicht nur zu prägen, sondern regelrecht zu definieren, ist doch ein Bankkonto für komplexere und daher digitale Finanzangelegenheiten unerlässlich. Mit Krypto dürfte sich das ändern.

Ignorieren auf eigene Gefahr

Als Europäer, allen voran als Schweizer, scheint die Neuentdeckung von Bitcoin und Kryptowährungen wenig revolutionär zu sein, weshalb sie vor allem als Spekulationsobjekte abgetan werden. Hierzulande sind wir derart «overbanked», dass uns deren Nutzen kaum einleuchtet: Wir haben alle mehrere Bankkonten, Visa und/oder Mastercard, Twint, ein funktionierendes Bankensystem sowie den Schweizer Franken. Diese Dinge gilt es alle nicht kleinzureden, sind sie doch höchst schätzenswert. Allerdings sollte niemals vergessen gehen, dass keine vom Mensch geschaffene Idee, kein System und keine Institution für alle Ewigkeit in Stein gemeisselt ist. Denn auch in der Schweiz gehört einem das Geld auf dem eigenen Konto nicht endgültig, sondern der Kontoinhaber hat lediglich eine Forderung auf ein gesetzliches Zahlungsmittel gegenüber der Bank. Denn auch in der Schweiz sind Bank-, Visa- oder Mastercard-Transaktionen nicht irreversibel, sondern können immer, auch nachdem die Abwicklung bereits abgeschlossen ist, rückgängig gemacht werden. Denn auch in der Schweiz verfügen die Banken nur über magere Eigenkapitalquoten und mögen in ihren Bilanzen mehr faule Eier halten, als zum derzeitigen Zeitpunkt allgemein angenommen wird. Denn auch in der Schweiz hat sich die Nationalbank mit einer noch nie dagewesenen Aufblähung ihrer Bilanzsumme auf dünnes Eis begeben und tätigt derzeit ein Experiment, von dem niemand mit Klarheit sagen kann, wie es ausgehen wird. Wir sollten uns bewusst sein, dass – in unserer von Ungewissheit geprägten Welt – eine Phase langer Stabilität stets das Potenzial für Instabilität erhöht. Gerade weil wir uns finanziell stabile Verhältnisse und funktionelles Geld gewöhnt sind, sollten wir zur Vorsicht, Offenheit und Umsicht angehalten sein. Staatliche Papiergeldwährungen und deren elektronisches Derivat, das Buchgeld, waren in der Geschichte der Menschheit nicht immer Geld und werden es wohl auch nicht immer sein.

Letztlich ist es also diese Umsicht, Demut und Neugier, die einen das neue Krypto-Phänomen nicht kategorisch ablehnen lassen sollten. Bitcoin bietet die Möglichkeit, alleiniger Herr über einen Teil seines eigenen Geldes. zu sein: Wer über die entsprechenden Privatschlüssel auf die eigenen Bitcoin Zugriff hat, kann dies immer und ohne Einwilligung Dritter tun. Auch können einmal abgewickelte Bitcoin-Transaktionen durch niemanden mehr rückgängig gemacht werden. Ein jeder der seine Bitcoin selber hält, muss zudem nicht befürchten, dass diese im Hintergrund durch eine Drittpartei verliehen werden. Und letztlich gibt es bei Bitcoin auch keine Zentralbank, die das Angebot an Bitcoin manipulieren kann.

Bitcoin und andere Kryptowährungen werden von einigen gar als Schutz oder finanztechnisch gesprochen als «Hedge» betrachtet. Ob diese Ansicht gerechtfertigt ist, wird sich erst noch zeigen müssen. Kritiker von Bitcoin weisen mit Recht darauf hin, dass die Kryptowährung bislang nur das ungewöhnliche Marktumfeld seit der letzten Finanzkrise kennt. So haben Zentralbanken in den letzten zehn Jahren – also exakt während der bisherigen Lebenszeit von Bitcoin – mit ihrer ultraexpansiven Geldpolitik für eine regelrechte Alles-Blase bei den Vermögenswerten gesorgt. Gleichzeitig haben sie die Marktvolatilität in den Keller gedrückt und die Risikoeinpreisung auf den Finanzmärkten de facto eliminiert. Es stellt sich die berechtigte Frage: Wie wird sich Bitcoin in einer Rezession verhalten? Und wie wird der Bitcoin-Preis im Zuge eines möglichen Crashes an den Finanzmärkten reagieren? Das weiss niemand. Doch vielleicht könnte Bitcoin gerade den Unterschied machen, verkörpert er in seinen Ursprung doch die Antithese zu unserer heutigen Finanzwelt. Dass dieser anfängliche Geist noch schlummert und im Fall einer Krise manchen Anleger auf der psychologischen Ebene wieder einholt, darauf hoffen einige Krypto-Begeisterte. Die Chancen stehen nicht einmal so schlecht, wenn man bedenkt, dass Bitcoin bis lang immer zu überraschen vermochte.

Es werde Bitcoin. Und es ward Bitcoin

Etwas salopp gesagt lässt sich Bitcoins Ursprung auf den 15. September 2008 zurückführen. Es ist dies der Tag, an dem die Investmentbank Lehman Brothers ihren Konkurs bekannt gibt und die Finanzkrise ihren Höhepunkt erreicht. Mit dem Bankrott von Lehman Brothers setzt eine Kaskadenwirkung ein, etliche weitere Banken müssen durch ihre Schutzpatrone, die Staaten, gerettet werden. Diese Rettungsaktionen lassen die Verschuldung vieler Staaten vollends aus dem Ruder laufen, weshalb letztlich die Zentralbanken zu deren gewaltigen Staatsanleihen-Ankaufprogrammen übergehen. Noch heute sind die Bilanzen der grossen Zentralbanken deswegen massiv aufgebläht und obschon die Notenbanken damit begonnen haben, ist immer noch nicht klar, ob sie diese Liquidität ohne grosse Probleme jemals wieder aus dem System werden abschöpfen können.

Nur etwa ein Monat später nach dem Krisenhöhepunkt vom 31. Oktober 2008 erreicht einige hundert Mitglieder einer obskuren E-Mail-Liste von Kryptografie-Experten die Nachricht eines gewissen Satoshi Nakamoto. «Seit geraumer Zeit arbeite ich an einem elektronischen Zahlungssystem, das vollständig Peer-to-Peer ist und keiner vertrauenswürdigen Drittpartei bedarf», schreibt der unbekannte Absender. In seiner E-Mail findet sich ein Link zu einem White Paper, das auf eine zwei Monate zuvor registrierte Webseite hochgeladen wurde. Die neunseitige Schrift beschreibt ein Zahlungssystem namens Bitcoin. Dessen spezifisches Alleinstellungsmerkmal: Es basiert auf einer Datenbank, die gleichzeitig über unzählige Rechner verteilt ist und immer wieder alle zehn Minuten aktualisiert wird. Aufgrund dieser Non-Zentralität verfügt das Bitcoin-Netzwerk über keinen zentralen Server und keine Autorität, welche die Buchhaltung über die Wertaustausche innerhalb des Systems sicherstellen muss und somit auch kontrollieren kann.

Den adressierten Kryptografie-Freaks und Informatikern waren derartige Ideen keinesfalls neu. Bereits vor der Jahrtausendwende gab es verschiedenste solcher Ansätze, die jedoch allesamt gescheitert waren. Der Grund: Keines der Projekte vermochte die sogenannte «Double-Spending»-Problematik zu lösen, wonach jemand innerhalb des Systems sicherstellen muss, dass Transaktionen nicht doppelt ausgeführt und somit keine Geldeinheiten aus den Nichts geschaffen werden. Wenig überraschend also, dass auch Bitcoin erstmal auf wenig Euphorie stiess. Warum sollte ausgerechnet dieses System grundlegend besser sein und das Problem des «Double Spending» lösen können?

Wie funktioniert Bitcoin?

Bitcoin setzt dafür auf die einzelnen Netzwerk-Teilnehmer, genauer gesagt die «full nodes». Diese stehen für all jene Netzwerk-Teilnehmer, die sich eine vollständige Kopie der mit allen anderen «full nodes» geteilten Datenbank herunterladen. Aufgrund des Open-Source-Charakters der Bitcoin-Software kann sich jede Person, egal von auf diesem Planeten, in das System mit einschalten. Da die «full nodes» also zu jeder Zeit über den aktuellen Stand der Buchhaltung Bescheid wissen, prüfen sie, dass keine Transaktion doppelt ausgeführt wird.

Doch woran orientieren sie sich? Wie können sie wissen, ob eine Transaktion ausgeführt, bzw. deren Geldeinheiten bereits ausgegeben worden sind? Dafür gleichen sie eine jede neue Transaktion mit der der Datenbank ab. Denn in dieser hält das Bitcoin-System alle jemals ausgeführten Transaktionen fest. Doch nicht nur das. Die einzelnen Transaktionen sind zu einem Block zusammengefasst. Jeder Block wiederum verfügt über einen einzigartigen Hash, der mit einem einmalig vorhandenen Fingerabdruck verglichen werden kann. Oder nochmals anders gesprochen: Es handelt sich dabei um eine Art Identifikationsnummer, die jeweils auf dem vorangegangenen Block referenziert. Auf diese Weise sind die einzelnen Blöcke über die jeweiligen Identifikationsnummern chronologisch miteinander zu einer Kette, der Blockchain, verbunden und lassen sich bis zum Genesis-Block, dem allerersten Block und seinen Ursprungstransaktionen, zurückführen. Das schafft eine transparente Transaktionshistorie, die niemand, ohne Spuren zu hinterlassen, verändern kann. Erfährt ein Block auch nur die kleinste Änderung, zum Beispiel das nachträgliche Anpassen des Inhalts einer einzelnen Transaktion, ändert die Identifikationsnummer dieses Blockes, mit der Konsequenz, dass dies eine Unstimmigkeit mit der Identifikationsnummer des Folgeblocks schafft.

Wie also werden neue Blöcke an die bestehende Kette angefügt und wer stellt sicher, dass diese lediglich nicht ausgeführte Transaktionen beinhalten, damit es zu keinem «Double-Spending» kommt? Hier kommen die sogenannten Bitcoin-Miners ins Spiel. Im Wettbewerb darum, den jeweils neuen Block der Blockchain hinzufügen zu können, versucht ein jeder Miner unter Verwendung von Rechenleistung schnellstmöglich einen neuen Block zu erstellen. Ungefähr alle zehn Minuten gelingt es einem Miner, einen Block zu erstellen, dessen Gesamtinhalt den Anforderungen des Bitcoin-Algorithmus entspricht. Als Belohnung locken neue Bitcoin.

Ein vereinfachendes Bild mag an dieser Stelle helfen: Derjenige Miner, der bei einer zehnziffrigen Zahl zuerst für jeden Faktor eine Sechs gewürfelt hat, gewinnt den Wettlauf, vorausgesetzt der Block umfasst nur noch nicht ausgeführte Transaktionen. Die Miner kontrollieren ihre Ergebnisse gegenseitig und sorgen so dafür, das stets bloss gültige Blöcke in die Blockchain integriert werden. Während sich das Finden eines gültigen Blockes als hochkompetitiv und schwierig darstellt, ist der anschliessende Prozess der Verifikation trivial. Kaum ist ein Block verifiziert, widmen sich die Miner auch schon dem nächsten Block und versuchen erneut ihr Glück.

No Rulers, no Leader: «In Code we Trust»

Es ist dieses ausgeklügelte, Software-programmierte Anreizsystem, das den Bitcoin von seinen Vorgängeransätzen abhebt. Wie die Versuche vor Bitcoin gezeigt haben, kann ein non-zentralistisches Computernetzwerk für Peer-to-Peer Werttransfer ohne ein solches Anreizsystem kaum funktionieren. Denn Software-Code ist nicht in Stein gemeisselt und kann theoretisch geändert und somit sabotiert werden – so auch der Bitcoin-Programmiercode. Das Bitcoin-Ökosystem besteht allerdings aus verschiedenen Hauptgruppen mit unterschiedlichen Interessen: So gibt es die Miners, Kern-Entwickler, Nutzer sowie Geschäfte und Unternehmen. Alle diese Gruppen haben unterschiedliche, teils sogar entgegengesetzte Interessen. Beispielsweise möchten die Nutzer und Unternehmen eher geringe Transaktionsgebühren, während die Miner, welche diese erhalten, in der Regel eher für höhere Transaktionsgebühren plädieren. Aufgrund dieser unterschiedlichen Interessenslagen lassen sich Änderungen innerhalb des Systems nur schwer realisieren. Wann immer eine Gruppe den Bitcoin-Quellcode in eine Richtung vorentwickeln möchte und diese Änderung einer anderen Gruppe nicht passt, kann diese mit einem Fork liebäugeln. Damit würde sich eine neue Bitcoin-Variante abspalten (so geschehen mit Bitcoin Cash am 1. August 2017), worauf sich auch das Bitcoin-Netzwerk teilt. Letztlich liegen unzählige Aufspaltungen jedoch nicht im Interesse dieser einzelnen Gruppen, da so ihr gemeinsames Ökosystem immer weiter verwässert würde. Die überwiegende Mehrheit aller Forks ist daher kaum erfolgreich – ein Zeichen dafür, dass sich die antagonistischen Gruppen innerhalb des Bitcoin-Netzwerks miteinander arrangieren.

Diese Non-Zentralität und das unterschiedliche Interessensgefälle innerhalb des Bitcoin-Systems wird von ausserhalb vor allem als Bremsklotz wahrgenommen, der das Ökosystem nur schwer reformierbar macht. Für viele Bitcoin-Enthusiasten ist darin jedoch viel eher ein Feature als ein Bug zu sehen, verspricht doch die Non-Zentralität Beständigkeit und Resilienz. Das gleiche Argument der Langwierigkeit wird häufig auch gegen die Schweiz und ihre halbdirekte Form der Demokratie vorgebracht. Von Schweizern wird der dezentrale Regierungscharakter und das Mitspracherecht via Initiativen und Referenden allerdings auch eher als Vorteil angesehen.

Mythischer Schöpfungsakt

Zugegebenermassen: Der Wunsch nach einer alles überspannenden Autorität, dem wohlmeinenden Diktator erscheint menschlichen. In Zeiten der Unklarheit und der Ungewissheit sehen sich viele Menschen nach dem konfliktlösenden Machtwort. Ein solches gibt es bei Bitcoin nicht. Das Bitcoin-Ökosystem hat zwar auch seine Galionsfiguren und Vordenker. Diese sind aber über alle Haupt- und Interessensgruppen verteilt. Am ehesten würde wohl eine Aussage Satoshi Nakamotos starkes Gewicht haben. Doch dieser hat sich seit dem April 2011 nicht mehr zu Wort gemeldet und niemand weiss, wer hinter dieser Person steckt.

Wie kann das sein? Der Name Satoshi Nakamoto ist bloss ein Pseudonym. Um seine wahre Identität zu verschleiern, verwendete Nakamoto mindestens drei E-Mail-Adressen, die allesamt aufwendig verschlüsselt waren. Heute kursieren zwar die wildesten Verschwörungstheorien, wonach die Identität Nakamotos geklärt sei. Doch bislang bleibt ein jeder, der sich also Satoshi geoutet hat, den Beweis schuldig.

Für viele Bitcoin-Jünger soll die wahre Identität ohnehin für immer ungelöst bleiben. Denn Satoshi Nakamoto ist nicht nur das einsiedlerische Computergenie hinter Bitcoin, sondern die Personifizierung einer höheren Macht, die sich aus ihrer aktiven Rolle zurückgezogen hat und noch als gottähnliche Gestalt in Köpfen von uns Menschen weiterlebt. Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde», steht in der Genesis. Und Nakamoto schuf am Anfang den ersten Block an Bitcoins, den Genesis-Block. Die Parallelen zur Schöpfungsgeschichte der Bibel sind nicht zu übersehen.

Rückblickend ist dieser Schöpfungsmythos denn auch als brillant zu bewerten, widerspiegelt er letztlich das Hauptanliegen Bitcoins: Non-Zentralität. Dass selbst die begründende Kraft hinter Bitcoin unbekannt ist und keine zentrale Machtposition innehat, unterstreicht die Integrität und das Wertversprechen dieser Idee und ist zudem äusserst raffiniert. Denn gerade in den Anfängen Bitcoins hätte das System über die Manipulation oder Eliminierung des Begründers arg erschüttert oder gar zerstört werden können. Ohne neuralgischen Hauptpunkt war derartiges viel schwieriger.

Heute wird gemeinhin kritisiert, dass der Bitcoin überhaupt nicht so non-zentralisiert ist, wie es dessen Befürworter gerne hätten. In der Tat ist das Mining weniger verteilt, als dass man es sich wünschen könnte. In unserer realen, nicht perfekten Welt muss man sich die Eigenschaft der Non-Zentralität allerdings als Kontinuum vorstellen. Auch wenn der Bitcoin den in der Theorie formulierten Höchstgrad der Non-Zentralität nicht erfüllt, so ist in der Praxis im Vergleich zu anderen bestehenden Institutionen und Strukturen wohl noch immer das non-zentralistische Projekt, das wir kennen.

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