Illusion einer letzten Liebe

( epub )

“Dann mach es doch wie wir, fahr nach Bulgarien ans Meer.”

Wir waren dort im letzten Jahr und es war rundum zufriedenstellend. Billig und gut organisiert."

Diesen Rat gab mir mein geschiedener Mann André, nachdem ich meine gescheiterten Badeferien in Jugoslawien geschildert hatte.

Das Busunternehmen musste Insolvenz anmelden und ich war gezwungen, schon nach einer Woche wieder abzureisen, obwohl zwei Wochen gebucht waren.

Seltsam, dass ich Andrés Rat gefolgt bin, obwohl ich doch sehr gut wusste, dass er völlig andere Bedürfnisse hat als ich.

Vielleicht war es mit meiner berufsbedingten Erschöpfung zu erklären. Der Lehrerberuf laugt aus und ich war immerhin schon sechsundvierzig Jahre alt.

Die Reisekasse war etwas mager gefüllt und ich wollte ans Meer, schwimmen, lesen und meine Ruhe haben.

Ja, und so nahmen die Dinge ihren Lauf…

„Kamerad Vasov, du weißt, dass du für einen Geheimauftrag in Frankreich ausgebildet wurdest. Seit vier Jahren arbeitest du nun mit französischen Touristen und noch hast du keine Frau gefunden, die bereit ist, dich zu heiraten, damit deine Arbeit in Frankreich beginnen kann!"

Boris Vasov war von seinem Vorgesetzten zu einem Gespräch vorgeladen worden und der Ton war schärfer als bisher.

„Morgen kommt eine neue Gruppe aus Straßburg an.

Wir haben Erkundigungen über eine der alleinreisenden Damen eingeholt.

Sie scheint mir zur idealen Zielgruppe zu gehören:

Sechsundvierzig Jahre alt, Lehrerin in Deutschland, wohnhaft in Straßburg, französische und deutsche Staatsangehörigkeit, zweimal geschieden, jeweils von einem Franzosen. Im Augenblick ohne feste Bindung an einen Partner, ansprechendes Äußeres, einen neunzehnjährigen Sohn, der nicht mehr bei ihr lebt. Studiert neben ihrem Beruf Kunstgeschichte.

Sie entspricht auf ideale Weise dem Profil, das wir uns für unseren Plan vorstellen. Frauen dieses Alters springen leicht an, denn sie spüren, dass ihre sexuelle Attraktivität bald nachlassen wird, die hormonelle Umstellung kündigt sich an. Aber darüber hast du ja während der Ausbildung genügend erfahren. Außerdem ist sie unabhängig und als Beamtin finanziell ideal abgesichert.

Du wirst mit dem Kameraden Sanchev zusammenarbeiten. Dieser beschattet die Dame, um zu sehen, wo du einhaken kannst. Sie heißt übrigens Irmgard Klein."

Boris Vasov spürte, dass dies die letzte Chance war, die ihm gegeben wurde.

Irmgards Tagebuch: 27.Juli 1986

Billigreisen haben ihren Preis.

Wie konnte ich das vergessen!

Kaum angekommen am Sonnenstrand wusste ich, dass ich zu diesem Touristenpublikum in keiner Weise passe. Nun heißt es, das Beste daraus zu machen. Ich hoffe, mit meiner Strandlektüre „Der Mann ohne Eigenschaften" von Musil, das mangelnde Niveau meiner Umgebung etwas ausgleichen zu können. Ich werde täglich sehr viel schwimmen und am Strand marschieren. Im übrigen nehme ich die verschiedenen Ausflugsangebote wahr, die sehr vielseitig sind. Gleich morgen Abend geht es los mit einer nächtlichen Rundfahrt mit dem kleinen Kreuzfahrtschiff.

Boris Tagebuch: 27.Juli 1986

Morgen Abend werde ich die französische Gruppe zum Schiff begleiten. Irmgard hat sich zu dieser nächtlichen Fahrt angemeldet.

Ich muss etwas finden, was sie überrascht und ihr Interesse auf mich lenkt. Den Unterlagen entnehme ich, dass sie sich für Kunst in jeder Form interessiert. Vielleicht gibt mir Sanschev einen Tip.

Diesmal muss es einfach klappen!!

Irmgards Tagebuch: 30.Juli 1986

Ein großer, stattlicher, schwarzbärtiger Mann empfing uns am Bus bei der Fahrt zum Hafen. Er fiel mir sofort ins Auge. Und dann erwähnte er in seinen Begrüßungsworten meinen Lieblingsfilm „E la nave va" von Fellini. Und das vor einem Publikum, das ganz bestimmt noch nie einen Fellinifilm gesehen hat.

Es war, als ab er mich im tiefsten erspürt hätte und nur für mich sprach.

Ich musste ihn unbedingt fragen, wie es kommt, dass er in einem tief dem Kommunismus verschworenen Land einen solchen Film kennen lernen konnte.

Und so war der Funke übergesprungen.

Auf dem Schiff kam er immer wieder zu mir und im Gespräch war eine solch wunderschöne Vertrautheit mit diesem wildfremden Mann.

Wir gingen zum Abschluss noch lange am Strand spazieren. Er ist elf Jahre jünger als ich, hat Filmwissenschaften studiert in Moskau und wartet schon lange darauf, endlich eine Tätigkeit im Filmgeschäft angeboten zu bekommen.

Einstweilen arbeitet er hier und da, im Sommer am Meer, im Winter in Sofia.

Er heißt Boris.

Boris Tagebuch: 30. Juli 1986

Sie hat angebissen!

Sanschev hatte recht mit seinem Rat. Fellini und Hermann Hesse wirkten Wunder.

Nun heißt es langsam und vorsichtig vorgehen. Einige Tage werde ich nichts von mir hören lassen. Dann abendlicher Ausflug nach Nessebar, Meeresromantik, Abschluss in meinem Zimmer, wo ich mit ihr Sex haben werde. Hoffentlich schaffe ich das irgendwie, denn es sagt mir nicht viel, wie meist.

Dann eröffne ich verzweifelt, dass ich für eine Woche zu einer Rundreise aufbrechen muss mit Touristen.

Danach noch zwei Liebesnächte, ehe sie wieder abfliegt.

Irmgards Tagebuch: 2.August 1986

Ich weiß wohl, dass diese Liebesgeschichte alle kitschigen Klischees bedient und ich bin alt genug, um hoffentlich endlich realistisch zu bleiben.

Und doch, möchte ich so gerne ganz einfach dem vertrauen dürfen, was ich tief in mir fühle.

Den Augenblick, in dem er in Nessebar meine Hand nahm, werde ich wohl nie mehr vergessen können. Es war wie ein warmer Strom, der jede Faser meines Wesens durchströmte und dies war unser erster körperlicher Kontakt. Er übte von Anfang an eine sehr starke körperliche Anziehung auf mich aus, so, wie es noch nie war bei einem Mann.

Aber viel wichtiger ist mir diese rätselhafte spontane Vertrautheit, diese geistige Nähe, dieses Gefühl, schon immer mit diesem Menschen verbunden gewesen zu sein.

Seltsam, dass unsere körperliche Vereinigung für mich wenig befriedigend war. Es war , als ob er eine schwierige Arbeit absolvieren müsste und ich kann ihn mit dem besten Willen nicht als guten Liebhaber bezeichnen. Befremdend war auch, wie er plötzlich hervorstieß: „Ich liebe dich!"

Es spielte sich in einem dieser nüchternen, billigen Hotelzimmer ab, das er mit einem Kollegen teilt, der auf Reisen war. Vielleicht hängt es mit der Prägung durch die kommunistische Erziehung zusammen. Sexualität gilt hier ja als ganz und gar nebensächlich.

Aber habe ich in meinem bisherigen Leben die Sexualität nicht immer überbewertet und immer darunter gelitten, dass die tiefere geistige Gemeinschaft fehlte?

Sicher steht es für mich nun an, eine Beziehung zu leben, in der eben nicht das Körperliche dominiert. Das ist sogar gut so.

Nun wird Boris erst zwei Tage vor meinem Abflug wieder hier sein können und noch ist es Zeit, die ganze Sache zu überdenken und nicht den Kopf zu verlieren.

Boris Tagebuch: 13.August 1986

Alles läuft planmäßig.

Nach meiner Rückkehr schaffte es Sanchev, mir ein Luxushotelzimmer zu verschaffen, damit ich Irmgard noch einen bleibenden Eindruck vermitteln kann, was mir hoffentlich auch gelungen ist. Es war hart, denn sie hatte ihre Tage und beim Weggehen sah das Hotelzimmer aus wie ein blutiges Schlachtfeld.

Zum Glück werde ich von Sanchev sehr gut beraten und so gestaltete ich den Abschiedsabend in Irmgards Hotelzimmer.

Ich erklärte ihr wirkungsvoll, dass es für uns verboten ist, auf die Zimmer von Touristinnen zu gehen und es bestehe das Risiko, bei einer systematischen Kontrolle erwischt zu werden.

So fügte ich für Irmgard den Reiz des Verbotenen hinzu und ich selbst erschien im Glorienschein des Helden, der bereit ist, jeder Gefahr zu trotzen, um der geliebten Frau nahe sein zu können.

Im übrigen hielt ich mich ganz zurück mit Aussagen über die Zukunft. Ich ließ nur fallen, dass wir uns bestimmt irgendwann wieder sehen werden.

Über dem Abend hing eine Wolke der wehmütigen Tragik einer unmöglichen Liebe. So war es von mir geplant. Dies ist die ideale Vorbereitung für den Prozess, der nun unweigerlich bei Irmgard beginnen wird.

Der größte Fehler wäre, die Dinge rasch vorantreiben zu wollen. Um eine stabile Basis für die kommende Arbeit zu bekommen, müssen wir die Dinge heranwachsen lassen. Das wurde uns bei den Schulungen immer wieder gesagt.

Sanchev hat mir schon eine kleine Wohnung in Sofia gefunden, denn um alles gemeinsam vorzubereiten, soll ich sofort dorthin übersiedeln. Weitere Schulungskurse sind offensichtlich geplant für mich. Eine spannende Zeit liegt vor mir.

** Irmgards Tagebuch: 28.August 1986 **

Die Erlebnisse in Bulgarien liegen nun schon zwei Wochen zurück.

Kaum angekommen in meinem Straßburger Zuhause überkam mich ein solch quälendes Gefühl des Verlassenseins, dass ich mich auf mein Bett warf und hemmungslos weinte, was sonst ganz und gar nicht mein Stil ist.

Seither empfinde ich mein Leben als unvollkommen ohne diesen Austausch mit einem mir ganz nahen Menschen.

Natürlich appelliere ich an meinen Verstand, der mir sagt, dass das ganze Erlebnis durch die Meeresromantik und die Urlaubsatmosphäre zu erklären ist. Ich bin schließlich kein junges Mädchen mehr und habe inzwischen die Fähigkeit erworben, mit beiden Beinen auf dem Boden der Realitäten zu bleiben.

Aber es nützt nichts, ich möchte einfach ohne diese wunderbare menschliche Nähe nicht mehr weiterleben. Natürlich ist Boris von morgens bis abends und oft auch in der Nacht präsent.

Nun, ich hoffe, dass diese Krankheit bald geheilt wird, denn von Boris habe ich keinerlei Lebenszeichen.

Also, reiß dich zusammen, Irmgard, und mach dich nicht lächerlich!!

Dienstanweisung für den Genossen Vasov:

  1. Kurzes Telegramm an I.K. zu ihrem Geburtstag am 23.11.
  2. Zwei Wochen danach, kurzes Telefongespräch mit Durchgabe der Telefonnummer und der Mitteilung, dass nun ein telefonischer Kontakt möglich ist.

Irmgards Tagebuch: 23.Oktober 1986

Seltsam, diese Mischung von Gefühlen, die das Telegramm von Boris in mir auslöste.

Natürlich, in erster Linie war es eine große, aufwühlende Freude.

Aber gleichzeitig spürte ich ein klein wenig auch ein gewisses Bedauern.

Ich hatte die Geschichte eigentlich schon begraben und lebte im Schmerz und in der Trauer dieses Verlustes. Ich sehnte mich danach, wieder meine innere Ruhe zu finden.

Dieses Telegramm ließ alles wieder aufleben.

Mehr und mehr formt sich in mir der Entschluss, meine nächsten Ferien dazu zu benutzen, Klarheit zu schaffen.

Ich muss ihn wiedersehen, um abzuklären, ob das Ganze nur eine Illusion ist, ausgelöst von der verführerischen Atmosphäre meiner Ferien am Meer. Nur so kann ich meine Ruhe wiederfinden und das Ganze mit Würde begraben.

Im Winter lebt er in Sofia. Keine Sonne, kein Meer, stattdessen Kälte, Schneematsch…

Mit Thomas, meinem zwanzigjährigen Sohn, habe ich bisher nicht über die ganze Sache gesprochen. Er würde sowieso nur lachen über seine verliebte Mutter.

Dagegen verfolgen meine Freundinnen die neue Romanze mit großer Spannung und sind auch jederzeit bereit, gute Ratschläge zu geben.

Leider müssen wichtige Entscheidungen immer ganz allein gefällt werden!

Und nun rief er auch noch an!

Mein Entschluss steht fest, in den Weihnachtsferien fliege ich nach Sofia. Leider gibt es da keine Pauschalreisen und keine Charterflüge und so wird das Ganze ein recht teurer Spaß werden. Aber ich spüre, es muss sein. Kein Preis ist zu hoch, um wieder zum inneren Frieden zurückkehren zu können!!

Dienstanweisung für Genosse Vasov: 10.11.1986

  1. Übernachtung mit I.K. im Hotel unter Hinweis auf die Bereitschaft, sich dem Risiko auszusetzen, bei einer Kontrolle gefasst zu werden.
  2. Drei Nächte werden in Vasovs Wohnung verbracht ,angeblich verbotenerweise.
  3. Drei Konzertbesuche
  4. Ausflug ins Rilakloster
  5. Heiratsantrag in der Weihnachtsnacht nach dem Besuch des Weihnachtsgottesdienstes.
  6. Immer wieder Hinweise auf das Risiko, das Vasov eingeht. Kontakte mit Westpersonen werden überwacht.
  7. Gespräche über seine angebliche feindliche Einstellung zur Partei nur im Freien.
  8. Aus psychologischer Sicht wird dies für die Frau eine unfehlbare Wirkung haben.

Boris Tagebuch: 27.August 1986

Schon mehrmals hatte ich Kontakte mit Touristinnen mit dem Ziel, durch ein Heirat nach Frankreich zu kommen.

Immer scheiterte es daran, dass die wesentliche Maxime nicht erfüllt war. Es ist unumgänglich, dass ich eine gewisse Zuneigung zu der Person hege, die es mir ermöglicht, die schwierige Mission durchzuführen. Allerdings muss diese Zuneigung immer unter Kontrolle bleiben und darf in keinem Fall die Oberhand gewinnen.

Deshalb wird der Kontakt mit meinem begleitenden Genossen, Sanchev, noch enger werden. Ich bin verpflichtet, allen seinen Anweisungen bis ins kleinste Detail zu folgen. Außerdem weiß ich, dass ich in meinen täglichen Rapporten nicht die kleinste Einzelheit verschweigen darf.

Er ist sehr optimistisch, denn er meint, wenn ich bei Irmgards Weihnachtsbesuch psychologisch subtil vorgehe, dann wird sie im Netz ihrer weiblichen Gefühle gefangen sein.

Das Schwierigste wird für mich sein, den täglichen Beischlaf zu absolvieren. Immer noch ist mir rätselhaft, warum ich dazu so wenig Lust habe mit allen Frauen.

Allerdings wurde uns von klein auf in allen Schulungen beigebracht, dass dieser Bereich des Lebens nur einen Stellenwert hat, wenn er zur Zeugung von Nachkommen notwendig wird, oder zu politischen Zwecken. Dies habe ich wohl tief verinnerlicht, anders kann ich es mir nicht erklären. Nun, wenn ich meine gleichaltrigen Kameraden beobachte, dann stelle ich fest, dass meine Veranlagung durchaus auch Vorteile hat.

So wird der einwöchige Aufenthalt von Irmgard also gemeinsam mit Sanchev bis ins kleinste Detail geplant. Die ganze Sache ist aufregend und spannend für mich. Meine Magenschmerzen plagen mich wieder.

Ausarbeitung eines Profils für Boris Vasov für den Einsatz beim Klassenfeind:

  • Beschreibung der Ausbildung, die ihn für eine Frau geheimnisvoll und interessant macht:
  • Besuch eines französischen Gymnasiums bis zum Abitur, so erklären sich die ausgezeichneten französischen Sprachkenntnise.
  • Studium an der Hochschule für Filmwissenschaften in Moskau
  • Diplomarbeit konnte wegen eines Konflikts mit dem begleitenden Professor nicht abgeschlossen werden. Dies soll nach der Eheschließung nachgeholt werden, um bessere Berufschancen in Frankreich zu haben. Dadurch können die regelmäßigen Schulungsaufenthalte in Moskau erklärt werden, ebenso die Beschäftigung mir schriftlichen Arbeiten zu Hause. ( Vasov muss sich verpflichten, täglich einen Kurzbericht über alle Beobachtungen in seiner Umgebung in Frankreich zu schreiben.)
  • Kurz nach der Bekanntschaft mit Irmgard K. bekommt Vasov eine Tätigkeit bei der Filmakademie in Sofia. Sanchev kann problemlos als sein Vorgesetzter vorgestellt werden.

Innerlich Gegner des kommunistischen Systems, unter dem er sehr leidet.

(Irmgard K. kann ihn davon erlösen)

Eheschließung mit einer russischen Genossin

-Kurz vor dem Abitur Besuch bei der Witwe von Romain Roland in Paris und im von ihr gegründeten Jugendzentrum in Veseley. ( So kann eine gewisse Vertrautheit mit französischen Verhältnissen erklärt werden.) – Einige Genossinnen und Genossen werden als Freunde vorgestellt. ( Liste liegt bei ) – Besuch bei seinen Eltern erst nachdem die Genehmigung zur Eheschließung schriftlich vorliegt. – Beruf des Vaters und der Mutter muss nicht geändert werden.

Irmgards Tagebuch: 30.Dezember 1986

Diese eine Woche in Sofia hat mich tief aufgewühlt.

Noch nie habe ich mich mit einem Mann so eins gefühlt. Dieses Gefühl der Vertrautheit ist etwas Wunderbares. Auf diesen Mann habe ich in meinem ganzen bisherigen Leben gewartet.

Boris vertraute mir an, wie unglücklich er sich in den Zwängen dieses politischen Systems fühlt. Dabei spürte ich, wie er sich ständig beobachtet und bedroht fühlt. Nur im Freien, wenn keine anderen Menschen in Sicht waren, wagte er es, über diese Dinge zu sprechen.

An Weihnachten spürte ich seine tiefe Sehnsucht, etwas über religiöse Dinge zu erfahren und seine Revolte darüber, dass man ihm dies vorenthalten hatte.

Wir besuchten gemeinsam den orthodoxen Gottesdienst in der wunderschönen Kathedrale von Sofia… es war eine tiefe Gemeinsamkeit zwischen uns.

An Weihnachten wollte Boris unbedingt, dass wir diese Tage in seiner kleinen Wohnung verbringen und es war wichtig für mich, seine persönliche Umgebung kennen zu lernen.

Er hat ein großes Zimmer in der Wohnung der Witwe eines Popen, die aber seltsamerweise nie da war. Er kann Küche und Bad mitbenutzen. Eigentlich hätte ich angemeldet werden müssen bei der Hausverwalterin und auf einem städtischen Amt, aber Boris zog es vor, mich heimlich heraus -und herein zu schleusen. So lebten wir also auch hier mit dem Geschmack des Verbotenen.

Wir redeten viel, machten kleine Mahlzeiten gemeinsam, liebten uns und gingen aus, ins Restaurant und mehrmals in Konzerte.

Einmal stellte mir Boris einen seiner Freunde vor, einen Wissenschaftler, der in der Forschung tätig ist. Er wohnt in unbeschreiblich primitiven Verhältnissen und alles wirkt sehr armselig.

Wissenschaftler seien sehr sehr schlecht bezahlt. Die Reichen sind zum Beispiel Taxifahrer und Kellner, weil sie von Touristen Devisen bekommen können. Diese Begegnung hat mich tief beeindruckt. Der Mann wirkte auch sehr unglücklich und schien Alkoholprobleme zu haben.

Für mich war es ein zwiespältiges Gefühl, hier als die privilegierte Frau aus dem kapitalistischen Westen aufzutreten. Einerseits wurde ich mir meiner Privilegien voll und ganz bewusst, andererseits fühlte ich mich in den menschlichen Kontakten unbehaglich.

Diese eine Woche war so reich an inneren und äußeren Erlebnissen, dass sie mir sehr lang erschien.

Aber das Entscheidende geschah in der Weihnachtsnacht!

Boris fragte mich, ob ich ihn heiraten wolle.

(Warum er sich wohl danach so schlecht fühlte und ein Beruhigungsmittel einnehmen musste, das ihn völlig außer Gefecht setzte?)

Jeder Außenstehende würde sagen, dass er natürlich nur in den Westen ausbrechen möchte.

Seltsam, für mich besteht gar kein Zweifel, dass es ihm in erster Linie darum geht, mit mir zu leben. Diese Sicherheit entstand in dieser Woche des engen Zusammenseins.

Es ist so, nur durch eine Eheschließung können wir zusammen kommen. Sogar Besuche von ihm sind nicht möglich, da er, wie er mir erklärte, im Augenblick aus innerparteilichen Gründen nicht in den Westen reisen darf.

So stehe ich nun vor einer riesigen Entscheidung. Eine erneute Eheschließung stand für mich bisher nicht zur Debatte. Ich bat deshalb natürlich um eine Bedenkzeit bis zu meinem Besuch an Ostern.

Bin ich zu einer solchen Veränderung fähig und bereit?

Wir werden uns vorher nur durch meine Besuche in Bulgarien kennen lernen können und ich bin realistisch genug, um zu wissen, welches Risiko ich eingehen würde.

Ich brauche Zeit, um diesen Entschluss in mir heranreifen zu lassen.

Im Augenblick überwiegt das Glücksgefühl, dass mir diese wunderbare Begegnung geschenkt wurde!

Dienstbericht von Boris Vasov: 2.Januar 1987

Das vorgegebene Programm konnte vorschriftsmäßig abgewickelt werden.

Irmgard Klein schien glücklich und blind vor Verliebtheit.

Sehr günstig wirkte sich die Mischung von kulturellem Programm, intimen Liebesstunden und der Würze von Risiko und Gefahr aus.

Sie glaubte alles, schien aber von dem so plötzlichen Heiratsantrag etwas überrumpelt zu sein.

Allerdings schien es in keiner Weise so, dass sie Verdacht schöpfte.

Sie erbat sich Bedenkzeit, wie erwartet.

Ob die Antwort positiv ausfallen wird, ist nicht ganz sicher. Sie scheint eher negative Eheerfahrungen hinter sich zu haben.

An Ostern hat sie vor, einen erneuten Besuch zu machen in Sofia, bis dahin möchte sie sich entschieden haben.

Irmgards Tagebuch: 3.März 1987

Ich lebe mit Boris, auch wenn er räumlich so fern ist. Er ist präsent bei allem, was ich lebe und in meinen Briefen lasse ich ihn daran teilhaben.

Er selbst schreibt nicht, das hat er mir schon angekündigt. Er sei dafür nicht sehr begabt.

Dafür telefoniert er ab und zu, allerdings immer nur kurz, da seine finanziellen Möglichkeiten beschränkt sind. Nun, meine Telefonrechnung hat sich inzwischen auch vervierfacht. Es ist wie ein Lebenselixier, wenn ich seine Stimme höre und die Zeit verfliegt dann wie im Flug.

Unablässig kreist in meinem Kopf die Frage, ob ich das Risiko dieser Eheschließung eingehen soll und kann. Ich versuche, mir diese veränderte Lebensform in jeder Einzelheit vorzustellen.

Werde ich es nicht immer bedauern, wenn ich nicht den Mut zu dieser Ehe finde?

Werde ich mich nicht immer nach dieser wunderbaren Harmonie der Zweisamkeit sehnen, die ich dann verloren habe?

So lange habe ich mich nach einem solchen Gleichklang gesehnt und in all den vielen Beziehungen konnte ich dies nie finden!

Es ist Februar und bis zu meiner Reise nach Sofia im April muss ich mich entschieden haben.

Zum Glück konnte ich ein Pauschalreiseangebot von Brüssel aus finden.

Dienstbericht von Boris Vasov: 4.Mai 1987

Wie vorgeschrieben reduzierte ich die Zeit, die ich mit I. K. verbrachte auf ein Minimum während ihres Osterbesuchs in Sofia.

Angegebener Grund dafür: Tätigkeit als Übersetzer beim Besuch einer russischen Delegation aus der Filmbranche.

I.K. akzeptierte dies ohne jede Klage und verbrachte ihre Zeit mit dem Besuch der zahlreichen Museen in Sofia. Sie schien sehr autonom.

Sogar als sie, die von mir angekündigte Fernsehübertragung des Empfangs bei Shivkov sah, schöpfte sie, wie vorhergesehen keinerlei Verdacht, obwohl der oberste Genosse mir sogar die Hand schüttelte.

Der Gottesdienst in der Osternacht in der Kathedrale verfehlte seine Wirkung nicht. Ich zeigte mich als sehr religiös orientierter Mensch, der verbittert ist, über die Einstellung des Regimes zur orthodoxen Kirche.

I.K. teilte mir schließlich mit, dass sie sich entschlossen habe, meinen Heiratsantrag anzunehmen.

Die Liste der zu besorgenden Papiere gab ich ihr vor ihrer Abreise mit.

Irmgards Tagebuch: 20.Februar 1987

Noch vor meinem Abflug nach Sofia stand mein Entschluss fest.

Ich werde diese Ehe wagen, um dieser, für mich einzigartigen Liebe, eine Chance zu geben.

Es wäre nur Angst, die mich zurückhalten könnte und Angst ist ein schlechter Ratgeber!

Wie schön war es doch, als Boris in der Bar des Hotels auftauchte, mit einer Rose in der Hand!

Leider konnte er in diesen zwei Wochen nur sehr wenig Zeit mit mir verbringen, da er endlich Arbeit im Filmgeschäft gefunden hat, was ihn sichtlich glücklich macht. Er musste sich einer Gruppe russischer Cineasten widmen, und bei einer Tagung als Übersetzer fungieren.

(Ich konnte ihn sogar im Fernsehen bei einem Empfang bei Shivkov sehen, der ihm die Hand schüttelte.)

Da ich fühlte, wie gut ihm dies tat, schluckte ich meine Enttäuschung hinunter und verbrachte meine Tage in den Museen von Sofia. Es regnete fast ständig und so war dies der angenehmste Aufenthaltsort. Restaurants und Cafes sind leider nicht sehr erfreulich, da sich das Publikum vorwiegend aus der arbeitenden Klasse zusammensetzt zu dem ich nicht sehr gut passte.

Aber die Abende und Nächte gehörten uns und die Vorfreude darauf begleitet mich den ganzen Tag.

Zwei ganze Tage konnte er sich frei machen, und wir machten Ausflüge in die Umgebung mit dem klapprigen Auto, das ihm sein Vater ausgeliehen hatte.

Ein tiefes Erlebnis war für mich der Gottesdienst in der Osternacht, zu dem Boris mit viel Mühe eine Eintrittserlaubnis bekommen konnte. Eigentlich haben nur geladene Gäste Zutritt.

Diese Stunden gemeinsam erleben zu können schaffte zwischen uns eine ganz neue, tiefe Verbundenheit.

Der Patriarch, oberster kirchlicher Würdenträger war da und er reichte uns allen die Christusikone zum Kuss. Dabei passierte etwas ganz Seltsames. Als die Reihe an mir war, flüsterte er mir zu: „Vous êtes francaise?" Es klang so, als wolle er mir eine heimliche Botschaft zukommen lassen.

Boris schien nicht sehr überrascht zu sein, dass ich mich zu dem Wagnis einer Ehe entschlossen habe. Obwohl er nun eine so befriedigende Tätigkeit im Filmgeschäft gefunden hat, ist er nach wie vor entschlossen, es zu versuchen, in Frankreich beruflich Fuß zu fassen. Dies ist auch für ihn ein Risiko. Aber wir haben beide die Gewissheit, dass uns die Verbundenheit in einem gemeinsamen Leben die Kraft geben wird, um Hindernisse zu überwinden.

Es schmerzt mich sehr, dass ich den starken Wunsch von Boris nach einem gemeinsamen Kind in meinem Alter nicht mehr erfüllen kann. Noch nie hatte einer meiner Partner diesen Wunsch und nun ist es zu spät! Wie schön wäre es gewesen, ein gemeinsam erwünschtes Kind zu haben.

Sofort nach meiner Rückkehr werde ich die notwendigen Schritte tun. Es wird ein aufwendiger Papierkrieg werden. Die größte Hürde scheint zu sein, von den bulgarischen Behörden die Erlaubnis zur Eheschließung mit einer Frau aus dem kapitalistischen Ausland zu bekommen.

Unser Ziel ist, dass wir an Weihnachten in Sofia heiraten.

Boris Tagebuch: 2. Dezember 1987

Manchmal wird mir bewusst, auf welches Abenteuer mich meine Vorgesetzten schicken.

Ich muss einfach einen Schritt nach dem anderen tun, so wie mir Sanchev immer wieder rät.

Ich habe großes Glück, denn er ist ein sehr guter Begleiter mit einer großen Erfahrung.

Wir haben Marina Armianova, als weibliche Begleitung zugeteilt bekommen und Irmgard hat sowohl Sanchev als auch Marina voll und ganz akzeptiert. Sanchev wurde als mein Chef in der Filmakademie vorgestellt und Marina als eine Schulkameradin aus Plovdiv.

Außerdem stellte ich ihr Irena vor, die inzwischen mit ihrem Schweizer Ehemann in Zürich lebt und von dort aus ihre Dienstberichte schreibt.

Irmgard besuchte die beiden sogar dort und war begeistert von dieser bulgarisch-schweizerischen“Liebesidylle”.

Es ist schon eindrucksvoll, wie blind eine verliebte Frau sein kann!

Nun sind alle Papiere bereit und Irmgard hat auch schon die 10 000 französichen Francs bezahlt, die angeblich nötig sind, um dem bulgarischen Staat die Kosten meiner Ausbildung zurückzuerstatten. Auch das hat sie bereitwillig geschluckt.

Ich werde nun versuchen, eine romantische Hochzeitsfeier zu organisieren.

Wie vereinbart, sind meine Eltern in keinerlei Einzelheiten meiner Mission eingeweiht worden. Sie wissen sehr gut, dass ich für das Regime arbeite, tun aber so, als seien sie ahnungslos. Manchmal denke ich, dass sie die Realitäten verdrängt haben.

Ich konnte Irmgard dazu überreden, ihr wahres Alter vor meinen Eltern zu verheimlichen und so ist sie einfach 37 Jahre alt, damit meine Mutter weiter davon träumen kann, irgendwann einmal Enkelkinder in ihre Arme schließen zu können.

Es fällt ihr sehr schwer, den einzigen Sohn so weit wegziehen zu lassen.

Um diese bittere Pille etwas zu versüßen, durften die beiden in diesem Sommer eine Kreuzfahrt bis an die Côte d’Azur machen. Ich denke, dass ihnen dadurch schon klar wurde, welche Privilegien sie durch die Tätigkeit ihres Sohnes haben. Wir sprechen natürlich nie darüber, das ist Dienstpflicht.

Irmgards Tagebuch: 6.12.1987

Die letzten Wochen und Monate waren so ausgefüllt mit den endlosen Behördengängen, um die vielen Papiere zu besorgen, die der bulgarische Staat fordert, bevor er eine Heiratsgenehmigung erteilt. Dazu kam, dass ich in all meinen Ferien nach Bulgarien reiste, um Boris vor der Eheschließung doch noch ein wenig besser kennen zu lernen.

Nach und nach konnte ich mir die teuren Flugreisen nicht mehr leisten und ich fand heraus, dass es eine Bahnverbindung gibt, München – Istanbul, das war noch einigermaßen erschwinglich und so ging ich eben zu dieser weit weniger angenehmen Reiseform über. Es bedeutete nämlich, jedes Mal zwei Nächte im Liegewagen zu verbringen umgeben von türkischen Familien, die mit der Bahn reisten, weil sie Bügelbretter und ähnliches in ihr Heimatland schaffen wollten.

Ich bekam dabei interessante Einblicke in die Strukturen des türkischen Familienlebens. Mit starken Schlafmitteln schaffte ich es, trotz alldem zu schlafen.

Seltsam, in diesen Zügen tauchte nur einmal ein Fahrkartenkontrolleur auf, der auch versprach, Bettwäsche und Decken zu bringen. Dies geschah aber nie und später war niemand mehr für diese Dinge zuständig, sodass ich mich eben notdürftig mit den mir zur Verfügung stehenden Kleidungsstücken zudeckte. Auch die Toiletten waren nach einem Drittel der Reise verstopft und verdreckt.

Mir konnte dies alles nichts anhaben, denn ich schwebte in den Sphären der Verliebtheit.

Für mich zählte nur eins, am Bahnhof von Sofia stand um 0.27 Uhr mein schöner stattlicher Boris und nahm mich in seine Arme.

Stuttgart, den 10.12.1987

Lieber Christian,

du schreibst mir, wie aufgebracht du über die Heiratspläne unserer Schwester Irmgard bist.

Natürlich scheint dies eine sehr riskante Sache zu sein, dessen ist sich Irmgard auch voll und ganz bewusst.

Vielleicht aber habe ich Irmgard ein wenig intensiver begleitet in den letzten Jahren und konnte so ihre innere Entwicklung verfolgen.

Sie hat viele Jahre des Alleinlebens hinter sich in denen sie an sich gearbeitet hat und sehr viel reifer wurde.

Sie hat sich diese Entscheidung zu einer Eheschließung in Bulgarien nicht leicht gemacht und weiß sehr wohl, die meisten Leute denken, dass dieser Mann sie nur benützt, um aus den Zwängen eines kommunistischen Landes zu entfliehen.

Nun, ich respektiere und bewundere, dass sie den Mut hat, trotz alldem, ihrer inneren Stimme zu folgen und dieses Risiko einzugehen.

Ich habe deshalb beschlossen, in den Weihnachtsferien nach Sofia zu fahren, um ihrer Hochzeit beizuwohnen, als einziges Familienmitglied.

Irmgard war schon immer diejenige in unserer Familie, die sehr anders ist.

Anstatt dich ständig an dieser Andersartigkeit zu stoßen, könntest du dich doch auch an dem frischen Wind freuen, den sie in unsere gefühlsarme Familie bringt. Ich jedenfalls sehe es so und freue mich auf dieses so ganz andersartige Hochzeitsfest.

Herzlich Grüße

deine Schwester Ursula

Irmgards Tagebuch 15.12.1987

Nun rückt der große Tag immer näher und ich bin mit der Strategie meiner „Hochzeitsferien" beschäftigt.

Das Ganze ist nämlich äußerst riskant, da ich die zwei Wochen Ferien auf drei verlängern will. Ich möchte mit Boris unbedingt eine Woche ans Meer nach der Hochzeit als kleine Hochzeitsreise, da er ja danach nicht sofort mit mir hierher nach Hause kommen kann. Er muss noch auf das Visum zum ständigen Aufenthalt in Frankreich warten. Niemand kann uns sagen, wie lange das dauern wird.

Ich habe mir nun einen Plan zurechtgelegt, der eigentlich klappen müsste, wenn ich bereit bin ein gewisses Risiko einzugehen.

Ich werde mich wegen eines Stimmausfalls vom Arzt für eine Woche krank schreiben lassen.

Für die Reise bis Karlsruhe trage ich eine dunkle Perücke und eine andere Brille.

Nach Karlsruhe lege ich diese Verkleidungen in der Toilette ab und fahre wieder mit dem Zug München – Istanbul nach Sofia.

Meine Finanzen sind so geschrumpft, dass ich mir kein neues Kleid für die Hochzeit leisten werde. Mein rotes vom letzten Jahr passt sehr gut und Lilian leiht mir ihr schwarzes Pillenhütchen mit Gesichtsschleier dazu. Sie wollte mir unbedingt noch ihren Fuchspelzmantel dazuleihen, aber das ist für Bulgarien nun wirklich eine Nummer zu groß.

Ursula wird als einzige von der Familie dabei sein, als meine große Schwester.

Mein Sohn Thomas reagierte sehr gelassen als ich ihm die Neuigkeit endlich eröffnete. Er meinte: „Ich bin überzeugt, dass es von dir ein Irrtum ist, aber ich bewundere dich dass du konsequent dem folgst, was du als für dich richtig entschieden hast."

Er kann nicht zur Hochzeit kommen, da er zu dem Zeitpunkt eine wichtige Fortbildung hat.

Das löst auch ein großes Problem, denn seine Gegenwart hätte bei der Familie von Boris einige Zweifel an meinem angeblichen Alter aufkommen lassen.

Der große Tag kann also kommen.

Stuttgart, den 08.01.1988

Liebe Mutter,

nun bin ich also zurück aus Sofia und die Erlebnisse in Bulgarien haben mich tief beeindruckt.

Du hast mir ja die Reise geschenkt, da du selbst nicht dabei sein konntest und ich danke dir noch einmal ganz herzlich dafür.

Ich will versuchen, dir so genau wie möglich von allem zu berichten, was ich in diesen zwei Wochen erlebt habe.

Nach der langen Bahnfahrt war es schön, am Bahnhof von Sofia Boris zu entdecken, der mich mit einem kleinen Blumenstrauß erwartete. Nach Irmgards Beschreibung erkannte ich ihn sofort und sein warmherziger Empfang ließ mich alle Strapazen der Reise vergessen. Ich fühlte mich sofort wohl mit ihm und die Verständigung auf Englisch ging auch ganz gut.

In einem alten, für unsere Begriffe schrottreifen Auto, fuhr er mich zu meinem Quartier. Ich wohnte im Haus einer Schulfreundin von Boris, die sehr viel Platz hat, obwohl sie allein wohnt. Ich hatte ein wunderschönes Gastzimmer. Auch sonst war aller Komfort vorhanden, von der Zentralheizung bis zum schönen Badezimmer. Marina war eine liebenswürdige Gastgeberin und nach einem kleinen Imbiss sank ich gegen 2 Uhr nachts erschöpft ins Bett.

Am nächsten Morgen holte mich Boris mit Irmgard zusammen ab, denn wir mussten mich noch auf einer Art Einwohnermeldeamt registrieren lassen. Dies bedeutete endloses Schlangestehen. So konnte ich hautnah erleben, was ja bekanntlich den Alltag in den kommunistischen Ländern prägt.

Danach fuhren wir ins Hotel im Stadtzentrum, wo Boris eine Suite gemietet hatte. Abends sollten ja die Eltern, Verwandten und Freunde von auswärts eintreffen und wir wollten dann im Salon der Suite etwas zusammensitzen.

Irmgard wirkte angespannt und hatte einiges an Gewicht verloren. Die ganze Sache ist ja auch sehr aufregend für sie.

Boris Eltern haben mich sehr beeindruckt. Sein Vater war Kinderarzt und seine Mutter Kindergärtnerin. Sie wirkten beide etwas traurig. Ich weiß ja, dass auch sie nicht sehr froh über diese Eheschließung sind und sie bemühten sich sichtlich ihre Gefühle nicht allzu sehr zu zeigen. Außerdem fiel mir eine gewisse demütige Haltung auf. Das Wissen, dass sich der Einzelne dem Willen des Staatsapparates zu unterwerfen hat, hinterlässt ganz sicher seine Spuren.

Es fiel mir auf, dass alle irgendwelche anspruchsvollen Hochschulabschlüsse hatten, aber ganz und gar nicht so wirkten, wie bei uns die Akademiker. Nun, ich bin in Bulgarien schließlich in einem „Arbeiter -und Bauernstaat“!

Die meisten konnten ein wenig Englisch und so konnte ich mich recht und schlecht verständigen mit viel Mimik und Gestik.

Mehr und mehr verstehe ich Irmgard, denn Boris ist in jeder Hinsicht ein liebenswerter Mensch und so wie ich ihn erlebte, wirkte er lebenstüchtig und anpassungsfähig. Er hat einen so liebenswerten Charme und mit all seinen vielseitigen Begabungen sollte er eigentlich ohne allzu große Schwierigkeiten seinen beruflichen Platz in Frankreich finden.

Obwohl ich das meiste bei unseren Gesprächen an diesem Abend nicht verstehen konnte, so nahm ich doch sehr vieles wahr, was mir vielleicht sonst entgangen wäre.

Boris war der Führende in den Unterhaltungen und natürlich spielte der Wodka eine nicht unwichtige Rolle. Alle wurden dadurch etwas lebhafter und ein gewisses Unbehagen konnte übertüncht werden. Irmgard war sehr ruhig und in sich gekehrt und ich versuchte mir vorzustellen, wie es wohl in ihr aussah.

Aber nun muss ich dir den Hochzeitstag beschreiben.

Wir waren eine Hochzeitsgesellschaft von etwa 25 Personen. Einige Verwandte und nahe Freunde von Boris.

Die Trauungszeremonie war ja nicht kirchlich, aber das ganze Ritual hatte einige Elemente vom orthodoxen Hochzeitsritus übernommen. Es wurden Kränze über das Haupt des Paares gehalten, sie tranken symbolisch aus einem Glas, das sie sich gegenseitig reichten, tauschten die Ringe und noch einiges mehr. Im Hintergrund saß ein Chor und einige Geiger, die in den entscheidenden Momenten einsetzten.

Für mich war das Ganze sehr bewegend und ich musste an Irmgards Sehnsucht nach der großen Liebe denken, die sie nun in diesem für uns so fremdartigen Land gefunden hat.

Ich wünsche ihr ja so sehr, dass alles gut gehen möge.

Danach tafelten wir in einem der schönsten Hotels von Sofia und ich war von der Wärme und Herzlichkeit all dieser Menschen sehr beeindruckt.

In Bulgarien trinkt man nie so einfach allein für sich, sondern jedes Mal, wenn man das Glas erhebt, wird auch ein Trinkspruch ausgesprochen, der dann wieder alle in diesem Gedanken vereint. Ich fand dies sehr schön und es drückt für mich aus, wie sehr die Gemeinschaft wichtig ist. Einmal stand Boris Vater feierlich auf und erklärte, dass wir nun alle auf das Wohl von Irmgards Mutter in Stuttgart trinken wollen.

So wurdest auch du einbezogen in diese Feier.

Am nächsten Morgen starteten wir mit dem alten Lada nach Varna, wo für eine Woche Zimmer für uns gebucht waren.

Wir wollten am ersten Tag bis Tarnovo fahren, wo wir bei einem Freund von Boris eingeladen waren.

Natürlich war es mir etwas unangenehm, mit einem frisch verheirateten Paar in die Flitterwochen zu reisen, aber Boris schien sich an meiner Gesellschaft zu freuen und ich hatte überhaupt nicht das Gefühl, ihn zu stören. Irmgard meinte, dass es für sie so wichtig war, wenigstens eine Person aus ihrer Familie dabei zu haben, so dass diese Reise nun eben in dieser Form dazu gehörte.

Den Silvesterabend sollten wir bei der Familie eines Onkels von Boris in Varna verbringen. Boris Eltern wollten auch dazu kommen.

Wie überrascht waren wir, als wir bei unserer Ankunft keinerlei Festvorbereitungen bemerkten.

Erst so nach und nach wurde ein kleiner Baum geschmückt, der Tisch gedeckt, Brotteig geknetet und so weiter.

Eigentlich war das sehr schön, so den Abend gemeinsam zu gestalten. Ich versuchte mir vorzustellen, wie meine deutschen Gäste reagieren würden, wenn ich es auch einmal auf diese Art probieren würde. Es wurde dann noch ein sehr fröhlicher Abend mit vielen Trinksprüchen.

Im übrigen war es schon eine etwas seltsame Woche, die ich mit den Jungverheirateten in fast ganz leeren Hotels verbrachte. Aus unerklärlichen Gründen mussten wir mehrmals die Zimmer wechseln, aber ich habe mich schon daran gewöhnt, dass in diesen kommunistischen Ländern manches unerklärlich bleibt.

Boris schien es nicht im geringsten zu stören, dass er tagsüber eigentlich nie allein mit Irmgard sein konnte. Er hatte immer irgendein Programm mit Freunden von ihm, was mir manchmal fast zu viel wurde.

Sogar am letzten Abend in Sofia wollte er unbedingt noch zu einem befreundeten Ehepaar mit Irmgard, die diesen Abschiedsabend viel lieber mit ihm allein verbracht hätte.

Es fiel ihr sehr sehr schwer, sich am nächsten Morgen am Bahnhof von Sofia von Boris zu trennen auf unbestimmte Zeit, da er wegen seiner Doktorarbeit in den nächsten Monaten nach Moskau muss und beide wissen nicht, wann das französische Visum endlich seinen Umzug nach Straßburg ermöglichen wird. Sie bemühte sich, ihre Tränen zurückzuhalten beim Abschied, während Boris viel weniger darunter zu leiden schien.

Ein großes Problem lag noch vor uns auf dieser Bahnfahrt.

Meine Aufenthaltsgenehmigung für Bulgarien war um einige Tage abgelaufen und wir konnten sie nicht mehr verlängern, da das Büro in Sofia geschlossen war. Boris gab uns einen Schrieb mit, der dies alles erklären sollte, aber ich war schon sehr unruhig, da ich wusste, wie unberechenbar die kommunistischen Behörden sein können.

Seltsam war dann aber, dass der Beamte nur einen kurzen Blick auf das Schreiben von Boris warf ohne es ganz zu lesen. Er bedeutete uns sofort, dass alles in Ordnung sei.

Ja, liebe Mutter, nun hoffe ich, dass du dich auch, wie ich, am Glück von Irmgard freuen kannst. Hättest du die menschliche Wärme und Herzlichkeit dieser bulgarischen Familie erleben und spüren können, so wären viele deiner Bedenken verschwunden.

Sicher kannst du Boris bald selbst kennen lernen.

Viele liebe Grüße

deine Ursula

Boris Tagebuch 15.01.1988

Zum Glück ist diese anstrengende Hochzeit vorbei und auch die sogenannte Hochzeitsreise, bei der Irmgard natürlich erwartete einen zärtlich verliebten Ehemann bei sich zu haben. Zum Glück schaffte ich es, trotz meiner großen Erschöpfung, dies in der Hochzeitsnacht einigermaßen zufriedenstellend zu spielen. Bei der anschließenden Reise hatte ich einfach Lust, die Gelegenheit zu ergreifen, einige Freunde wieder zu sehen und da nun das Schwierigste geschafft und die Eheschließung unter Dach und Fach war, hatte ich keine Lust mehr, jede Nacht die ehelichen Pflichten zu absolvieren. Irmgard schien dadurch etwas enttäuscht zu sein.

Sanchev betont immer, dass ich jetzt, nach der Hochzeit, die subtile Aufgabe habe, den Ablösungsprozess vorzubereiten, in winzigen, zunächst unmerklichen Schritten.

Allerdings so, dass Irmgards Liebe bis zum Schluss erhalten bleibt. Das ist eine sehr schwierige Aufgabe und Sanchev wird mich zum Glück intensiv begleiten.

Es ist für mich nicht immer ganz leicht, denn ich mag Irmgard ja recht gern und muss immer wieder aufpassen, nicht in irgendwelche störenden Gefühle hineinzuschlittern.

Ein schwieriger Augenblick war in dieser Hinsicht, der Abschied auf dem Bahnhof von Sofia. Irmgards Tränen rührten mich.

Ich werde nun einige Monate zu Schulungen nach Moskau geschickt. So wird der Kontakt zu Irmgard nur sehr sporadisch stattfinden können. Dadurch. kann ich wieder den nötigen Abstand gewinnen.

Irmgards Tagebuch 15.01.1988

Wie seltsam, nun lebe ich wie eh und je hier in Straßburg als alleinstehende Frau, und bin doch inzwischen verheiratet, um den Mann, den ich liebe, in meiner Nähe haben zu können. Er aber ist nach wie vor weit weg, ja sogar noch weiter entfernt, in Moskau, um endlich seine Doktorarbeit fertig zu machen. Ich kann ihn also nicht einmal abends anrufen, wenn mir danach ist, sondern muss auf die mehr als seltenen Anrufe warten.

Er scheint darunter viel weniger zu leiden als ich. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, dass er sehr gerne dort in Moskau ist.

Für die Osterferien plane ich keine Reise nach Bulgarien, denn ich hoffe, dass Boris bis dahin längst hier ist. Es wäre finanziell auch schwierig, denn die Hochzeit mit allem Drum und Dran hat meine letzten Reserven verschlungen.

Es gibt Augenblicke, in denen ich Angst vor meinem eigenen Mut bekomme. Dann fällt mir der Zwischenfall auf der Fahrt nach Varna ein, wo Boris uns durch sein sehr schnelles Fahren um ein Haar in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt hätte. Es war, wie wenn plötzlich eine bedrohliche dunkle Wolke am Himmel aufgezogen wäre und mir schoss der Gedanke durch den Kopf: „Das ist kein gutes Vorzeichen!"

Immer wieder während dieser Hochzeitsreise war die dunkle Wolke da. Wenn ich fühlte, dass Boris so gar keinen Drang zu verspüren schien, mit mir allein und intim zusammen zu sein.

Das Traurigste war der Vorabend meiner Abreise, an dem er unbedingt mit seinem Freund Ilian und dessen Frau den Abend verbringen wollte. Nun ja, ich schaffe es auch gar nicht, mich energisch durchzusetzen und ich weiß auch, dass dies bei Boris nicht gut ankommen würde.

Schön war, wie er meine Schwester Ursula akzeptierte. Er hat eine wunderbare Art, Frauen wie große Schwestern zu behandeln ohne jede erotische Schwingung. Das habe ich noch nie erlebt bei einem Mann. Allerdings wünsche ich mir, dass er mich etwas anders wahrnimmt und ich hoffe doch, dass es so ist!

Irmgards Brief an Madame Catherine Trautmann, Abgeordnete des Département Bas Rhin:

Strasbourg, den 15.05.1988

Sehr geehrte Madame Trautmann,

am 27.12.1997 habe ich in Sofia den bulgarischen Staatsbürger Boris Vasov geheiratet.

Gleichzeitig haben wir beim französischen Konsulat in Sofia für ihn das Visum zum ständigen Aufenthalt in Frankreich beantragt.

Bis heute aber wurde uns dieses noch nicht ausgestellt.

Mein Ehemann möchte als Filmwissenschaftler in Frankreich beruflich tätig sein und vor allem möchten wir zusammen leben.

Ich bitte Sie nun, sich für uns einzusetzen, damit wir endlich als Ehepaar zusammen leben können, wie wir es uns so sehr wünschen.

Im Voraus danke ich Ihnen für Ihr Verständnis und verbleibe

mit freundlichen Grüßen

Irmgard Klein-Vasov

Irmgards Tagebuch 18.05.1988

Natürlich machte ich mir keine allzu großen Hoffnungen, dass mein Brief an Frau Trautmann irgendeine Wirkung haben könnte. Auf Anraten meiner französischen Freunde schrieb ich sogar an Präsident Mitterand persönlich und bekam auch eine höfliche Antwort aus seinem Büro, dass der Fall überprüft werde. Immerhin wenigstens eine Reaktion. Eigentlich wollte ich ja persönlich bei Frau Trautmann vorsprechen, aber aus ihrem Büro verlautete, dass sie sich im Wahlkampf befinde und daher in nächster Zeit keine Zeit habe. Mein Brief ging so natürlich total unter.

Aber durch ein Hintertürchen habe ich es nun doch noch geschafft und bin richtig stolz auf mich!

Zufällig las ich in der Zeitung, dass Frau Trautmann in einem sehr benachteiligten Stadtviertel eine kleine Wahlversammlung abhalte in einem Gasthaus.

Kurz entschlossen ging ich sehr früh dort hin und als sie eintraf, war fast noch niemand da. Ich ging auf sie zu, bewaffnet mit meinem Brief, und bat sie um eine kurze Unterredung.

Sie war sehr sehr freundlich, setzte sich mit mir in eine Ecke und las den Brief. Ich sagte ihr dann kurz, wie schwer es für uns sei, so lange auf unsere Zusammenführung warten zu müssen. Ich glaube, sie spürte, wie ernst es mir damit war. Sie erzählte mir von ihren bulgarischen Sprachstudien während ihrer Schulzeit und versprach, sich um die ganze Sache zu kümmern.

Natürlich weiß ich, dass man im Wahlkampf vieles verspricht und mache mir keine allzu großen Hoffnungen. Auf jeden Fall kann ich mir sagen, dass ich alles versucht habe.

Zum Trost werde ich mit Boris in den Pfingstferien zwei Wochen in einem Hotel am Meer verbringen, ganz allein, als nachträgliche richtige Flitterwochen. Darauf freue ich mich schon riesig.

Dienstanweisung für den Genossen Vasov 17.05.1988

Der Hotelaufenthalt mit Ehefrau am Goldstrand wurde genehmigt, da er zur psychischen Stabilisierung der letzteren für notwendig erachtet wurde.

Tagesberichte entfallen während dieser Zeit.

Der Aufenthalt soll so gestaltet werden, dass die Ehefrau verliebt und glücklich bleibt.

Strasbourg, den 22.07.1988

Liebe Ursula,

du kannst nun ganz beruhigt sein, wir haben unsere „Flitterwochen nur zu zweit" nachgeholt und es war eine wunderschöne unbeschwerte Zeit mit viel jugendlichem Übermut und der Freude am Beisammensein.

Boris gibt mir dieses herrliche Gefühl, jung zu sein, was ich in meiner letzten Ehe mit einem so viel älteren Mann nie haben konnte.

Dieses Mal waren wir fast ausschließlich allein für uns, was ich mir damals nach der Hochzeit so sehr gewünscht hätte. Dafür genoss ich es jetzt um so mehr.

Und nun werde ich eben weiter täglich auf das heißersehnte Visum für Boris warten.

Alles ist bereit in der Wohnung.

Das ehemalige Zimmer von Thomas wird das neue Ehebett aufnehmen und gleichzeitig mein Arbeitszimmer sein. Es ist etwas eng und nicht sehr gemütlich aber anders geht es nicht, denn Boris braucht auch einen Arbeitsplatz, den wir in meinem ehemaligen Schlafzimmer einrichten. Dort können dann auch Gäste übernachten. Wir werden sicher immer wieder Besuch aus Bulgarien bekommen und ich möchte die herzliche Gastfreundschaft, die ich dort genossen habe auch erwidern können.

Also, liebe Ursula, bitte halte die Daumen, dass Frau Trautmann ihr Versprechen hält.

Viele liebe Grüße

Deine Schwester Irmgard

Dienstanweisung für Genossin Marina Armianova: 30.08.1988

Vorbereitung einer Dienstreise nach Strasbourg zu Irmgard Klein-Vasov.

Begleitpersonen: Ehemann Ilian Armianov und Welina Cerafinova

Arbeitsaufgabe:

Detaillierter Bericht über das Lebensumfeld von Irmgard Klein-Vasov. Übermittlung per Fax..

Zu beachten:

Äußerst angenehmes und diskretes Verhalten als Gäste muss unbedingt eingehalten werden!

Die Abreise aus Sofia vom Genossen Vasov kann erst erfolgen nachdem alle Berichte vom Begleitoffizier Vasovs, dem Genossen Sanchev geprüft wurden.

Die Ankunft von Vasov in Strasbourg telefonisch bestätigen.

Ebenso das Eintreffen von Genossin Kristina Mantscheva am späten Abend des Ankunftstages von Vasov. Sie wird alle von Ihnen übermittelten Informationen bestätigen.

Wichtig!

Abreise aus Strasbourg am Tag nach Vasovs Ankunft, vormittags. Dies gilt für alle vier zur Kontrolle abgeordneten Genossen und Genossinnen.

Die französischen Geheimdienste dürfen auf keinen Fall die Gelegenheit zu einer Kontaktaufnahme haben.

Strasbourg, den 17.09.1988

Liebe Ursula,

wenn du diesen Brief gelesen hast, wirst du dich nicht mehr wundern, dass du schon so lange nichts mehr von mir gehört hast.

Die Ereignisse haben sich in den letzten Tagen überstürzt und ich bin völlig außer Atem von all dem, was zu bewältigen war.

Aber das Wichtigste zuerst:

Boris ist endlich bei mir angekommen und ich bin überglücklich.

Allerdings hatte ich mir seine Ankunft anders vorgestellt und war deshalb zunächst etwas enttäuscht. Aber die Freude, ihn nun bei mir zu haben, stellt alles andere in den Hintergrund.

Aber lass mich der Reihe nach erzählen.

Vor einer Woche meldetet sich überraschend Marina bei mir aus Sofia und fragte, ob sie mit ihrem Mann und einer Freundin nicht einige Tage bei mir wohnen könne, da sie endlich die Genehmigung für ihre schon lange geplante Frankreichreise bekommen hätten.

Ich hatte ja schon so häufig ihre Gastfreundschaft genossen und vor allem hast ja auch du bei ihr gewohnt anlässlich unserer Hochzeit. So war es natürlich selbstverständlich, dass ich zusagte, obwohl wir in der Schule sehr viel Arbeit haben am Anfang des Schuljahres.

Außerdem bekamen wir aus Paris Bescheid, dass durch die Intervention von Frau Trautmann das Visum für Boris ausgestellt wurde.

Er sagt mir, dass er noch nicht sofort kommen könne, da er noch einiges vorbereiten müsse und es schwierig sei, die Fahrkarte zu bekommen.

So warte ich also jeden Tag auf seine Nachricht, dass es nun klappt und in einer solchen Zeit hätte ich mir nun wahrhaftig nicht drei bulgarische Gäste gewünscht.

Aber natürlich empfing ich die drei herzlich mit einem Empfangsessen und überließ sie tagsüber ihrem Schicksal, denn ich musste ja in die Schule.

Ich muss sagen, alles war musterhaft aufgeräumt, als ich nach Hause kam. Sie hatten sogar eingekauft und im Kühlschrank einige Lebensmittel deponiert.

Abends nahmen wir immer gemeinsam die Mahlzeit ein und tagsüber besichtigten sie das Elsass.

Am dritten Tag ihres Aufenthaltes bekam ich einen Anruf von Boris, dass er am nächsten Abend ankommen werde.

Ich fiel aus allen Wolken, denn unser Wiedersehen hatte ich mir schon so oft ausgemalt.

Romantisches „diner" bei Kerzenlicht mit anschließender leidenschaftlicher Wiedersehensnacht.

Und nun hatte ich drei bulgarische Gäste im Haus und alles war ganz anders.

Aber ich bin ja inzwischen schon durch eine strenge Schule der Flexibilität gegangen und werde auch dieser Herausforderung die Stirn bieten.

Es ist schon ein seltsamer Zufall, dass der Besuch von Marina mit der Ankunft von Boris zusammenfällt!

In aller Eile organisierte ich einen Kleintransporter, denn Boris hatte umfangreiches Gepäck angekündigt. Dann kümmerte ich mich um ein Empfangsessen und war gerade mit allem fertig, als es Zeit war, zum Bahnhof nach Kehl zu fahren.

Mein Boris sah sehr erschöpft aus und hatte im ersten Augenblick einen fast fremden Gesichtsausdruck.

Wir hatten an diesem Abend wirklich keinerlei Gelegenheit, etwas intim persönliches miteinander zu sprechen. Boris schien dies allerdings viel weniger zu stören als mich, denn er freute sich offensichtlich, gleich Landsleute vorzufinden.

Und dann geschah noch etwas ganz seltsames:

Während des Abendessens läutete plötzlich das Telefon und eine weibliche Stimme verlangte Boris Vasov. Nach dem kurzen Gespräch erklärte mir Boris lachend, dass durch einen verrückten Zufall eine ehemalige Studienkameradin gerade in Strasbourg sei und für diese Nacht gerne bei uns übernachten wolle. Seine neue Adresse habe er ihr schon vor einiger Zeit gegeben, da sie eine Reise nach Frankreich plante.

Man musste schon so verliebt sein wie ich, um auch hier noch gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Aber trotz allem gefällt es mir ja auch, so aus meinem Trott herausgerissen zu werden, um mich immer wieder neuen überraschenden Situationen anzupassen.

Nun, ich fand noch eine Matratze, die wir im Wohnzimmer auslegten und irgendwann sanken wir beide als wiedervereintes Liebespaar todmüde in unser neues Doppelbett, um fast sofort einzuschlafen. Da staunst du!

Als ich am nächsten Tag nach meinem Schulvormittag nach Hause kam (frag mich nicht, wie ich den über die Bühne brachte!) waren alle bulgarischen Gäste verschwunden und ich hatte das Gefühl, als ob die ganze Invasion nur ein Spuk gewesen wäre.

Eines war allerdings real, in meiner Wohnung wohnte nun mein Ehemann, unübersehbar. Alles war voll von seinen Gepäckstücken, meine wohlgeordneten Gewohnheiten wurden gründlich umgekrempelt. Angefangen davon, dass irgendein Mittagsimbiss gerichtet werden musste. Längst hatten wir die Arbeitsaufteilung besprochen:

Boris übernimmt das Frühstück und den Mittagsimbiss, dazu die Wohnungsreinigung, die Wäsche und die Einkäufe. Ich koche abends und bügle. Diese Regelung gilt so lange wie Boris noch auf der Suche nach Arbeit ist.

Und nun begann also unser gemeinsames Leben. Für mich steht die Freude über seine Gegenwart an erster Stelle und ich bin optimistisch, dass er bald seinen Platz im Berufsleben finden wird. Er ist flexibel und hat so vielerlei Begabungen.

Ganz wichtig war mir, dass wir sofort, am Tag nach Boris Ankunft gemeinsam auf die Bank gingen, sowohl in Straßburg als auch in Kehl, um ihm den vollen Zugang zu unseren Konten zu ermöglichen. Ich möchte nicht, dass er sich als Mann gedemütigt fühlt, indem er mich um Geld bitten muss. Außerdem möchte ich, dass er weiß, wie sehr ich ihm vertraue.

Wir werden dich und Mutter in allernächster Zeit besuchen, sobald Boris einigermaßen akklimatisiert ist.

Bis dahin viele liebe Grüße auch von Boris an seine „sister in law"

Irmgard

Boris Tagebuch: 17.09.1988

Nun bin ich also in Frankreich etabliert als wohlsituierter Ehemann einer deutschen Beamtin.

Irmgard gab mir sogar vollen Zugang zu allen Bankkonten. Allerdings gehört es zu meinen Anweisungen, dass ich in diesem Bereich äußerst korrekt bleiben muss.

Erst jetzt merke ich, wie ausgezeichnet ich vorbereitet wurde. Und so kommt mir vieles direkt bekannt vor, da es mir immer wieder beschrieben wurde bei den verschiedenen Schulungen.

Außerdem hatten wir ja einige kurze Seminare in Frankreich gehabt in all diesen Vorbereitungsjahren.

Es ist sehr leicht, meine schriftlichen Arbeiten zu erledigen, da Irmgard Vormittags in der Schule ist. Zum Glück kann sie die kyrillische Schrift nicht entziffern, so dass ich mir nicht einmal die Mühe machen muss, alles zu verstecken, ehe sie zurück kommt.

Sie bemüht sich rührend, mir alles recht zu machen und kocht Gerichte, die mir überhaupt nicht schmecken, wie zum Beispiel „Käsesoufflé“. Ich musste ihr mühsam erklären, dass ich nicht gerne Gerichte esse, die mir unbekannt sind. Darüber war sie sehr überrascht, denn sie kann sich nicht vorstellen, dass man am liebsten Pommes isst mit gebratenen Würstchen oder ähnliche Dinge.

Dieses Problem taucht auch auf, bei den vielen Einladungen.

Irmgard hat einen großen Freundeskreis und möchte mich stolz überall vorstellen. Ich werde bestaunt, wie ein seltenes Tier im Zoo. Natürlich spiele ich meine Rolle mit Bravour und alle sind begeistert von mir.

Mühsam ist nur, diese langen Essensrituale durchzustehen. Es sind fast nur Gerichte, die ich nicht mag, da sie neu sind. Einmal bemerkte ich, dass am Anfang des Essens alle gebannt auf mich und meinen Teller starrten. Ich war nämlich noch gar nicht zum Essen gekommen, da ich mich intensiv über das politische System in Bulgarien ausließ mit sehr viel Kritik. Diskret flüsterte mir Irmgard zu, dass die Hausfrau den Hauptgang erst servieren könne, wenn ich mit meiner Vorspeise fertig sei. Mit Müh und Not konnte ich einen Wutanfall zurückhalten, denn es ist doch unglaublich, dass ich in diesem Land nicht einmal nach meinem ureigenen Rhythmus essen darf. Zum Glück konnte ich mich in letzter Minute noch beherrschen.

Wie ich mit Irmgards Sohn Thomas umgehen soll, muss ich dringend mit Sanchev besprechen.

Er scheint ein helles Köpfchen zu sein und er erklärte sofort unumwunden, dass ich wie ein Spion wirken würde.

Ich reagierte natürlich so, als ob er einen guten Witz gemacht hätte und auch Irmgard lachte herzlich. Sie erklärte mir, dass Thomas als Schauspieler auch im wirklichen Leben theatralische Situationen sehe, oft auch da, wo alles in Wirklichkeit viel banaler sei.

Aber ich fühlte mich sehr unbehaglich, denn ich spürte, dass er es ernst meinte.

Drei Tage nach meiner Ankunft, genauso wie es mir vorhergesagt wurde, kam am frühen Abend ein Telefonanruf von der zuständigen Stelle der französischen Geheimpolizei. Sie baten um einen Gesprächstermin mit mir und meiner Gattin.

Nun, Irmgard war auf diese Sache natürlich weit weniger vorbereitet als ich und ich versuchte beruhigend auf sie einzuwirken.

Einen ganzen Nachmittag lang bearbeiteten sie uns, getrennt natürlich, und versuchten mir immer wieder geschickt Fallen zu stellen.

Aber solche Gespräch hatten wir in Moskau immer und immer wieder durchgespielt und so war es für mich ein Kinderspiel, jeden Schachzug geschickt zu parieren.

Ich hatte das Gefühl, dass sie sicher sind, einen Agenten vor sich zu haben, aber es gelang ihnen nicht, irgendein Beweismittel zu finden.

Wie das Gespräch mit Irmgard verlief, weiß ich natürlich nicht, aber ich denke, dass sie ebenso wenig zu fassen war, da sie in ihrer blinden Verliebtheit felsenfest an ihre Liebesgeschichte glaubt und andere Gedanken deshalb gar keinen Raum einnehmen können.

Im übrigen habe ich noch nichts unternommen, um Arbeit zu suchen. Um Irmgard nicht vorzeitig zu beunruhigen suchte ich per Zeitungsannonce private Schüler für russischen Sprachunterricht und unterrichte zweimal die Woche eine alte Dame, die in die Wohnung kommt.

Diese Arbeitssuche ist eine heikle Gratwanderung, denn natürlich darf es keine Tätigkeit sein, die meine ganze Zeit in Anspruch nimmt und doch sollte ich irgendwie den Einstieg in das soziale Netz des französischen Staates finden. Es genügt, einmal eine reguläre Tätigkeit mit Arbeitsvertrag zu finden, um dann später Arbeitslosengeld beziehen zu können.

Zunächst muss ich die französische Staatsangehörigkeit beantragen und in zwei Monaten verbringe ich einige Wochen in Sofia zur Nachschulung.

Ich werde für einen Freund von Irmgard einen Videofilm über sein Möbelgeschäft drehen und vorgeben, dass ich diesen in Sofia in den Filmstudios ohne Kosten weiterbearbeiten kann. So wird sie diese erneute Trennung hoffentlich schlucken.

Bisher läuft alles problemlos und Sanchev sprach mir ein großes Lob aus.

Ich muss unbedingt die Sympathie von Thomas, Irmgards Sohn, erringen. Er scheint mir hellwach und kritisch zu sein.

Vielleicht könnte ich versuchen, ihm sein gestohlenes Fahrrad wieder zu ersetzen, indem auch ich eines illegal organisiere.

Irmgards Tagebuch 25.10.1988

Mein Alltag hat sich sehr verändert und es gibt Momente, wo ich mich dabei ertappe, dass mir meine Singlefreiheit etwas fehlt.

Zum Glück aber wusste ich von vornherein, dass nicht alles rosig sein würde und ich bin fest entschlossen, mit allen Schwierigkeiten fertig zu werden.

Zunächst klappt unsere Arbeitsteilung, die sich ja sehr gut anhört, nicht so, wie ich das erhofft hatte. Boris hat natürlich keinerlei Übung in der Hausarbeit, obwohl er sich in Sofia als Junggeselle selbst versorgte und sein Zimmer putzte.

Wenn ich an seinem wöchentlichen Putztag nach Hause komme, so ist die Wohnung auf den Kopf gestellt und Boris ist noch weit davon entfernt, fertig zu sein. Auch unseren Mittagsimbiss muss ich dann selbst richten, denn er hatte durch das Putzen natürlich keine Zeit dafür. Im übrigen ist dies meist der Fall, denn sehr oft hielten wichtige Beschäftigungen ihn davon ab.

Die Wohnungsreinigung beschränkt sich trotz des großen Zeitaufwands auf die Bodenreinigung, alles andere ist ihm unbekannt. Um ihn in seinem männlichen Stolz nicht zu verletzen und seine Kooperationsbereitschaft nicht zu mindern, sage ich nichts und erledige den Rest eben selbst.

Die Einkaufstouren dauern meist stundenlang und ich bin nicht selten überrascht, von dem, was er mitbringt. Kürzlich war es ein gebrauchtes Moped. Dieses steht jetzt im Flur und seitdem riecht die ganze Wohnung nach Benzin.

Zweimal die Woche kommt Madame Grimm zu ihrer Russischstunde begleitet von Mickele ihrem kleinen Hund. Dies bedeutet, dass ich mich im engen ungemütlichen Schlafzimmer aufhalten muss und dies leider fast den ganzen Nachmittag, denn Madame Grimm ist vom Charme meines Boris so angetan, dass sie gar nicht mehr gehen will und ihm ihre ganze lange Lebensgeschichte erzählt.

Boris ist also immer sehr sehr beschäftigt. So dass die häuslichen Pflichten eben doch oft allein an mir hängen bleiben. Er übernimmt hier und da kleine Aufgaben, die mit seinem Beruf als ‚ „cinéaste" zu tun haben, was ihm großen Spaß macht, aber natürlich keinerlei berufliche Zukunft verspricht. Zu einer ernsthaften Arbeitssuche kam es bisher noch nicht und Boris scheint es damit auch nicht eilig zu haben. Einige Male hatte er seriöse Angebote aus meinem Bekanntenkreis, bei denen er jedes Mal im letzten Moment auswich. All dies beunruhigt mich ein wenig, denn es war abgemacht, dass ich nur in einer Übergangszeit ganz allein für uns beide aufkomme. Für immer möchte ich dies nicht, denn es bedeutet für mich doch ein gewisses Opfer, so auf vieles verzichten zu müssen.

Zwei Ereignisse haben mich sehr beeindruckt.

Das erste war eher negativ. Wir wurden einen ganzen Nachmittag lang von der französischen Geheimpolizei verhört, getrennt.

Ich hatte dabei das unangenehme Gefühl, dass der höfliche junge Mann, meine ganze persönliche Lebensgeschichte als Indiz ansah, dafür, dass unsere eheliche Verbindung politisch verdächtig sei. Er wollte die intimsten Dinge wissen und entschuldigte sich damit, dass er dazu gezwungen sei, auch in meinem eigenen Interesse, da es häufig Fälle von Spionage gebe. Natürlich konnte sich dieser nüchterne Beamte nicht vorstellen, dass es bei uns einzig und allein um Liebe geht. Ich war gezwungen, brav und ehrlich auf alles zu antworten, denn wir wollen ja, dass Boris so rasch wie möglich die französische Staatsangehörigkeit erhält. Das Ganze war sehr unangenehm!

Das zweite Ereignis war der Besuch von Catherine Trautmann und ihrem Ehemann bei uns zum Abendessen.

Nie hätte ich allein den Mut gehabt, die beiden einzuladen zum Dank für die Unterstützung. Aber Boris meinte, versuchen könnten wir es doch.

Und tatsächlich, die Beiden kamen wirklich und es war eine Atmosphäre wie mit unseren Freunden, ganz schlicht und unkompliziert. Frau Trautmann sagte mir, dass sie sehr oft mit Bitten überhäuft würde, aber bei mir hätte sie etwas so authentisches gespürt, dass sie sich sehr gerne für uns eingesetzt habe.

Beim Abschied sagte sie noch, dass wir uns jederzeit gerne an sie wenden könnten, wenn es beim Berufseinstieg Schwierigkeiten gebe.

Nun, ich denke, Boris braucht einfach noch Zeit. Diese gewaltige Veränderung in seinem Leben muss verdaut werden. Es scheint ihn auch psychisch mitzunehmen, denn er hat ständig Magenbeschwerden, die aber laut ärztlicher Diagnose keinen organischen Grund haben.

Ich werde versuchen, mich in Geduld zu üben.

Eben fällt mir ein, dass Thomas gestern erzählte, wie Boris für ihn ein Fahrrad gestohlen habe. Er lachte darüber und meinte: „Seltsam, Boris war plötzlich wie verwandelt bei dieser Aktion. Er wurde eiskalt und ruhig und schien ganz in seinem Element zu sein. Sogar als wir ein Polizeiauto hinter uns herfahren sahen, blieb er unerschütterlich."

Dieser Bericht versetzte mich in eine sehr unbehagliche Stimmung. Diese Seite von Boris passt so gar nicht zu dem Bild, das ich von ihm habe.

Boris Tagebuch 30.10.1988

Das wichtigste Ziel für die nächsten Monate ist für mich, so rasch wie möglich die französische Staatsangehörigkeit zu erlangen.

Ich muss deshalb zunächst noch den untadeligen Ehemann spielen. Es ist nicht immer leicht, die so ganz anderen Erwartungen von Irmgard zu ertragen. Sie stellt sich vor, dass ich so bald wie möglich eine feste berufliche Anstellung erreiche, morgens aus dem Haus gehe und abends wieder nach Hause komme. Natürlich wünscht sie sich auch, dass ich finanziell unabhängig werde von ihr, mehr noch, dass sie in ihrem Beruf nach und nach Teilzeit arbeiten kann. Der Lehrerinnenberuf scheint sie mehr und mehr aufzureiben und sie möchte sich auch gerne ihrer Magisterarbeit in Kunstgeschichte widmen.

Es ist mir nicht ganz gleichgültig, zu sehen, auf wie viele Dinge sie verzichtet seit ich da bin.

Aber solche Gefühle darf ich auf keinen Fall zulassen, denn das Ziel ist klar.

Sobald ich die Staatsangehörigkeit habe, werde ich mich langsam aber stetig von ihr lösen und ich darf auf keinen Fall jetzt schon in Sentimentalität verfallen. Sanchev gegenüber spreche ich von diesen Anwandlungen natürlich nicht.

Im übrigen finde ich immer wieder kleine Jobs, die mit meinem angeblichen Beruf im Filmgeschäft zu tun haben und niemand ahnt, dass dies eigentlich nur ein Hobby ist. Nächste Woche fahre ich mit einer Profigruppe in die Sowjetunion, um einen Film über die russische Kunstszene zu drehen. Ich soll als Dolmetscher fungieren und so wird niemand meine mangelnde Professionalität ahnen. Außerdem hatte ich in Straßburg schon mehrmals Gelegenheit als filmischer Berater zu dienen.

So gelingt es mir, immer einen Vorwand zu haben aus dem Haus gehen zu müssen und meiner mir zugedachten Rolle als Hausmann zu entgehen. Obwohl finanziell kaum etwas dabei herauskommt, so bin ich doch immer voll beschäftigt und es macht großen Spaß.

Seit ich in Frankreich bin, haben mich schon Simeon und Vladimir besucht, jeweils eine Woche und ich war den ganzen Tag mit ihnen unterwegs. Simeon wollte seine Ikonen verkaufen und Vladimir suchte einen gebrauchten Lieferwagen. Natürlich ist der Hauptzweck ihrer Besuche eine gewisse Kontrolle meines Lebens hier und sie müssen natürlich ihre Berichte schreiben. Trotzdem machte es Spaß mit ihnen und Irmgard kochte jeden Abend geduldig ein herzhaftes Abendessen möglichst nicht auf französische Art. Ich denke, sie muss schon so einiges verdauen, scheint aber immer noch sehr verliebt zu sein und klagt deshalb nie.

Irmgards Sohn Thomas bleibt weiterhin ein Problem für mich. Ich bin inzwischen sicher, dass er die Situation ganz klar einschätzt. Allerdings scheint ihn dies eher zu amüsieren und ich glaube nicht, dass er vorhat, irgendwelche Schritte gegen mich zu unternehmen. Trotzdem ist dies äußerst beunruhigend für mich, denn er macht seine Anspielungen auch in Gesellschaft von anderen und wie eventuelle Mitwisser reagieren werden kann niemand wissen.

Sanchev riet mir, das Spiel locker mitzuspielen. Das heißt, knallhart zu sagen, wenn es sich ergibt: „Natürlich fließt dies alles ein in meine Berichte an den KGB." Oder andere Anspielungen, die ich locker lachend immer wieder fallen lasse…

Dieser Abend bei dem Fabrikbesitzer wird für mich besonders interessant. Das gibt einen *Bericht, der mir Pluspunkte beim KGB einbringen wird!“*

Sanchev betont immer wieder, dass die Geheimpolizei in Straßburg auch überzeugt ist, in mir einen Agenten vor sich zu haben. Sie können aber nichts unternehmen, da alles so perfekt abgesichert ist, um keinerlei Beweise zu ermöglichen. Eine Anzeige, nur auf Grund von Vermutungen, würde daran auch nichts ändern. Sie hätte im schlimmsten Fall zur Folge, dass wir wieder zu Verhören antreten müssten.

Das Schlimme ist, dass ich befürchte, nicht immer kaltblütig bleiben zu können, obwohl wir in Moskau solche Situationen wieder und wieder in Rollenspielen geübt haben. Aber die reale Situation stellt eben doch noch ganz andere Anforderungen an die psychische Stabilität.

Straßburg, den 12.12.1988

Liebe Ursula,

stell dir vor, Boris ist im Augenblick wieder in Sofia, da seine Rückfahrkarte noch gültig ist und er die Gelegenheit ergreifen will, den Videofilm über das Möbelgeschäft meines Freundes Jean fertig zu bearbeiten. Natürlich finde ich das etwas problematisch, da er ja in dieser Zeit wieder überhaupt keine Gelegenheit hat, hier beruflich Fuß zu fassen. Aber er ist immer so glücklich, wenn er etwas tun kann, was mit seinem eigentlichen Beruf zu tun hat. Außerdem hat er sicher auch etwas Heimweh und so stelle ich eben meine Wünsche und Ansprüche etwas zurück. Ich wusste ja, auf was ich mich eingelassen habe und bin fest entschlossen, die Schwierigkeiten zu bewältigen.

Und, dir kann ich es ja anvertrauen, leicht ist es nicht. Mein Leben hat sich sehr verändert und in schwachen Stunden mache ich mir große Sorgen über Boris Zukunft. Er scheint sich gar nicht bewusst zu sein, wie wichtig es ist, eine feste Anstellung zu bekommen. Man merkt doch sehr, wie sehr das Leben in einem kommunistischen Land ihn geprägt hat. Der Staat wird schon für mich sorgen, das scheint tief verinnerlicht zu sein.

Diese Art zu leben ähnelt der von Kindern, die fest darauf vertrauen, dass für sie gesorgt wird.

Aber ich möchte auf keinen Fall endlos für ihn sorgen müssen und es war abgesprochen, dass ich Teilzeit arbeite, sobald Boris etwas verdient. Er lebt in den Tag hinein, geht so mit seiner Zeit um, dass er immer sehr beschäftigt ist und für die Hausarbeit keine Zeit hat, da viel viel wichtigere Dinge anstehen.

Sehr belastend sind für mich die häufigen Besuche von bulgarischen Freunden, denen Boris dann natürlich seine ganze Zeit widmet. Ich sorge für das leibliche Wohl und finanziell ist es auch eine zusätzliche Belastung. Kürzlich hatte ich einen Augenblick, wo ich das Gefühl hatte, dass ich nur eine lästige Mitbewohnerin in meiner eigenen Wohnung bin. Die beiden Herren waren in den Wohnräumen mit sich beschäftigt und mir blieb das Schlafzimmer und die Küche. Ich kann mich an ihrer Zweisamkeit ja nicht beteiligen, da die letzten beiden Besucher nur Bulgarisch und Russisch sprachen.

Überhaupt ist meine schöne, gemütliche Wohnung sehr verändert und ich fühle mich nicht mehr so richtig wohl darin.

Der Vorhang neben Boris Schreibtisch hängt halb herunter, da Boris so mehr Licht hat.

Im Eingangsbereich sind alle Bücher von Boris aufgestapelt, teilweise auch noch in Kisten, so lange bis entschieden ist, wo sie untergebracht werden können. Außerdem steht dort nun auch noch das Moped, das Boris gebraucht erstanden hat, zu meiner großen Überraschung. Die ganze Wohnung riecht deshalb nach Benzin.

Bitte entschuldige, wenn ich heute ein wenig ins Jammern komme, aber es ist im Augenblick etwas viel. Das größte Problem habe ich nämlich überhaupt noch nicht erwähnt.

Letzten Samstag wurden wir gegen 8.30 Uhr vom Klingeln an der Wohnungstür geweckt. Es war ein kühler Herr, der beauftragte Notar unserer Wohnungseigentümerin, der uns mitteilte, dass wir in drei Monaten die Wohnung räumen müssen, da die Dame dieselbe verkaufen will. Allerdings hätten wir ein Vorrecht als Käufer , sollten wir sie erwerben wollen.

Bei unserer Finanzlage steht dies natürlich nicht zur Diskussion.

Da saßen wir also mit diesem freundlichen Schriftstück und Boris war wie immer voller Optimismus. Ihm scheint gar nicht klar zu sein, mit welche Kosten ein Umzug verbunden ist und dass wir eine gleichwertige Wohnung mit diesem Mietpreis nie mehr finden werden.

Für mich ist dies nun eine weitere Belastung und wir haben schon angefangen zu suchen. Meine Befürchtungen, was den Mietpreis anbetrifft scheinen sich zu bestätigen.

Liebe Ursula, bitte verbreite meine Sorgen nicht in der übrigen Familie. Alle würden nur befriedigt feststellen, dass sie mit ihren Einwänden recht hatten.

Vielleicht kommst du mich mal besuchen, solange ich noch allein bin.

Viele liebe Grüße

deine Schwester Irmgard

Boris Tagebuch 17.01.1989

Nun wird alles noch viel spannender werden.

Irmgard hat durch eine Schülerin eine Wohnung bekommen, in dem Dorf, in dem sie unterrichtet. Sehr groß und schön und kaum teurer als unsere jetzige.

Das Ganze hat nur einen Haken. Es ist in Deutschland und da mein Antrag auf die französische Staatsbürgerschaft läuft, muss ich auch in Frankreich wohnen.

Sanchev ist einverstanden, wenn ich eine fiktive Adresse in Straßburg finde. Er meint, es sei eher günstig für mich, in Deutschland zu wohnen, da mein privates Leben dann weniger kontrolliert wird.

Irmgard mit ihrem großen Freundeskreis hat es doch tatsächlich geschafft, ihre Freundin Barbara dazu zu bewegen, uns ihre Zweitwohnung im Stadtzentrum fiktiv als Wohnsitz anzubieten. Wir werden uns also dort polizeilich anmelden und unseren Namen an Tür und Briefkasten anbringen. Damit ist das Problem gelöst.

Irmgard, mit ihrer Beamtenseele hat Probleme, mit solch unkonventionellen Lösungen umzugehen, aber ich habe zum Glück einen starken Einfluss auf sie und dass sie die Mentalität einer Beamtin habe, will sie sich nicht nachsagen lassen. Diesen Tipp gab mir übrigens Sanchev, der Irmgard in Sofia kennen lernte und deshalb mit seiner psychologischen Schulung sehr genau weiß, wie man sie beeinflussen kann.

Irmgards Beamtenseele leidet auch unter dem überzogenen Konto und sie kann sich nicht vorstellen, wie die Kosten eines Umzuges bestritten werden sollen. Ich werde ihr beweisen, dass das von mir problemlos bewältigt werden wird.

Sie kann ja nicht ahnen, dass ich jederzeit von meiner Parteizentrale finanziell unterstützt werden kann, sollte es zu ernsthaften Engpässen kommen.

Allerdings ist die Bedingung, dass ich meine Arbeit zufriedenstellend erledige. Sanchev wird in den nächsten Wochen zu einer ersten Überprüfung hier eintreffen.

Ich möchte dann unbedingt, dass er Thomas kennen lernt.

Vorgestern ist das eingetreten, was ich schon seit einiger Zeit befürchtet habe, ich habe die Kontrolle verloren und bei einer seiner Anspielungen überreagiert.

Es ist wirklich so, dem Jungen entgeht nichts. Sofort sagte er mit vielsagendem Lächeln: „Seltsam, dass du dich darüber so aufregst. Das sagt viel über dich aus!"

Ich war dann nicht mehr fähig, souverän zu reagieren und wechselte das Thema.

20.07.1989

Liebe Ursula,

eine sehr anstrengende Zeit liegt hinter mir und es ist mir ein Rätsel, wie ich das alles geschafft habe.

Wir haben den Umzug nun tatsächlich hinter uns gebracht und ich sitze hier zwischen Kartons im absoluten Chaos. Aber eine Pause gönne ich mir einfach, um mir so einiges von der Seele zu schreiben.

Boris hatte mir ja versprochen, den Umzug ganz allein zu organisieren, zu packen und Lösungen zu finden, dass sich die Kosten in einem minimalen Rahmen bewegen. Mein Girokonto ist nämlich um 5000 DM überzogen und sonst sind alle Ersparnisse aufgebraucht.

Boris hat ab und zu einen Minijob, der aber nur ein kleines Taschengeld für ihn einbringt.

Er hat ja auch überhaupt keine Zeit, sich mit einer ernsthaften Arbeitssuche zu befassen, da es immer viel Dringenderes zu tun gibt. Wir hatten in diesen Monaten drei verschiedene Besuche aus Bulgarien, denen Boris jedes Mal seine ganze Zeit widmete.

Dazu kamen die Umzugsvorbereitungen, die ihn seit Mai in Atem hielten.

Ich muss zugeben, allein hätte ich keinen so billigen Umzug zustande gebracht.

Unser Freund Jean lieh uns seinen Möbellieferwagen und zwei seiner Arbeiter zum Auf -und Abbauen der großen Möbel, als Dank für gelegentliche Hilfeleistungen von Boris.

Außerdem schafften wir es, eine Gruppe von befreundeten Männern zusammenzutrommeln, die uns am Umzugstag halfen.

Es war für mich trotzdem noch anstrengend genug, denn ich musste ja gleichzeitig das Schuljahresende bewältigen.

Du wirst es kaum glauben, aber übermorgen starten wir mit dem Auto nach Bulgarien.

Ich würde natürlich viel lieber hier erst einmal alles in Ordnung bringen und mich dann ganz einfach auf die faule Haut legen ohne viel Programm. Nur lesen und schwimmen im Baggersee, der ja vor unserer Türe ist.

Aber ich verstehe, dass Boris Heimweh hat und er möchte gleichzeitig, unseren alten Renault in Bulgarien für wenig Geld total überholen lassen. Wochenlang hat er die notwendigen Autoersatzteile zusammengekauft, den Lack und sonstiges. Er ist sehr stolz darauf, auf diese Weise einen Beitrag zu unserem Sparprogramm zu leisten. Im Stillen sage ich mir natürlich, dass er noch nicht verstanden hat, dass bei uns Zeit auch Geld bedeutet und dass es viel rentabler wäre, eine Arbeit zu suchen und stattdessen ein neues Auto zu kaufen.

Ich gab also nach und werde mit ihm diese lange Autofahrt antreten, das Auto vollbepackt bis aufs Dach, wie bei den türkischen Gastarbeitern, die in Heimaturlaub fahren. Grässlich!!

Wer hätte je gedacht, dass ich einmal so etwas mache?

Also, liebe Ursula, du siehst, mein Leben ist weit davon entfernt, langweilig zu sein.

Dir wünsche ich schöne Ferien in Italien.

Viele liebe Grüße

deine Schwester Irmgard

Irmgards Tagebuch 08.09.1989

Nie wieder solche Sommerferien!

Wie konnte ich mir das nur antun?

Zunächst hörte sich der Plan ja sehr gut an und deshalb bin ich wohl auch darauf eingegangen.

Nach unserer Ankunft wollten wir zuerst in Sofia bei Marina einige Tage verbringen, um den Wagen überholen zu lassen.

Danach Weiterfahrt nach Plovdiv zu den Eltern von Boris. Dort sollte unser Auto bleiben, um frisch lackiert zu werden. In dieser Zeit wollten wir ans Meer fahren, um mit dem Segelschiff eines Freundes eine kleine Kreuzfahrt anzutreten. Danach sollte das Auto wieder abgeholt werden, bereit zur Rückfahrt.

Nun alles kam ganz anders.

Schon die Hinfahrt war für mich eine große Strapaze. Ich konnte diese langen Autofahrten bei der Hitze noch nie gut ertragen. Ich kam also krank in Sofia an, eine Magen – Darminfektion.

Eine ganze Woche lag ich dort im Bett, trank lauwarmes Salzwasser und döste vor mich hin.

Boris war von morgens bis abends auf Achse, um in der Autowerkstatt die Arbeiten zu überwachen.

Danach, in Plovdiv erfuhren wir, dass es mit dem Segelschiff nicht klappte aus unerfindlichen Gründen. Außerdem erklärte mir Boris, dass es unvorsichtig sei, wegzufahren, während das Auto einem Freund seines Vetters übergeben werde zur Lackierung. Er müsse, die Sache überwachen, aber es dauere ja nur wenige Tage und dann sei noch genügend Zeit, nach Varna zu seinem Onkel und ans Meer zu fahren.

Boris Eltern wohnen mitten in der Stadt an einer staubigen, verkehrsreichen Straße und ich verbrachte die Tage mit lesen, etwas anderes blieb mir ja nun nicht übrig. Ich wurde immer bedrückter, denn Boris war auch hier den ganzen Tag weg und da es kein bequemes breites Bett gab, schliefen wir sogar in getrennten Zimmern. So hatte ich mir meine Ferien als jungverheiratete Frau nicht vorgestellt. Eigentlich gab es in dieser ganzen Zeit keinerlei intime Kontakte zwischen uns, was Boris in keiner Weise zu vermissen schien.

Ich hätte ja allein etwas unternehmen können, aber wir warteten jeden Tag auf die Fertigstellung des Autos. Dies lief nun aber überhaupt nicht wie geplant. Mehr und mehr wurden wir unruhig, denn der Vetter wusste nicht, wohin sein Freund das Auto gebracht hatte, es war auf jeden Fall außerhalb von Plovdiv. Außerdem war der Vetter für einige Zeit verreist aus dringenden Gründen. Ich befürchtete schon das Schlimmste, nämlich , dass man uns das Auto ganz einfach entwendet hatte. Auch Boris Eltern bekamen Angst. Für uns wären dadurch große Probleme entstanden. Inzwischen war es nur noch eine Woche bis zum Beginn des neuen Schuljahres. Nach eingehenden Recherchen konnte Boris den Freund des Vetters ausfindig machen in Burgas, wohin wir im klapprigen Lada fuhren. Wieder in der Hitze und mit der Befürchtung, dass die Karre jeden Moment den Geist aufgeben könnte. Vorbei die Träume vom blauen Meer und den Wellen, die meinen Körper streicheln.

Wir erfuhren, dass unser Auto inzwischen in Sliven bei einem anderen Freund sei. Also, auf nach Sliven. Und o Wunder, das stimmte sogar. Wir entdeckten unseren kleinen Renault, allerdings noch unlackiert, in einer improvisierten Werkstatt. Boris erreichte, mit Hilfe von einer beträchtlichen Summe, dass der Wagen noch am gleichen Tag lackiert wurde.

Vorsichtig wagte ich etwas aufzuatmen, denn ich war inzwischen bescheiden geworden. Ich wollte nur noch eines, nämlich so rasch wie möglich nach Hause fahren, um am ersten Schultag pünktlich zur Stelle zu sein.

Mit dem noch feuchten, frisch lackierten Auto fuhren wir zurück nach Plovdiv, ich am Steuer, denn Boris musste ja den Lada zurück transportieren.

Aber auch dies verlief nicht ohne Zwischenfälle. Zuerst hatte der Lada eine Panne und ein freundlicher LKW Fahrer schaffte es erstaunlicherweise die Karre wieder flott zu machen. So gegen 3 Uhr nachts fiel der erste Regen dieses Sommers. Das wäre ja normalerweise eine unendliche Wohltat gewesen, aber unglücklicherweise hatte ich ein frisch lackiertes Auto, das nun jeglichen Glanz verlor. Ich tröstete mich damit, dass es einwandfrei fuhr und somit bald die Heimfahrt antreten konnte. Mehr wollte ich ja gar nicht mehr.

Und so fuhren wir zurück, mit nur ganz wenig Pausen. Die meiste Zeit fuhr ich selbst, denn Boris hatte die Tendenz, am Steuer einzunicken, was mir große Angst machte.

Als ich endlich, endlich im mein Bett zu Hause sinken konnte, schwor ich mir, nie mehr mit dem Auto nach Bulgarien zu fahren. Noch nie in meinem Leben war ich so erschöpft.

Die ganze Reise erscheint mir im Rückblick wie ein böser Traum.

Boris Tagebuch 10.09.1989

Es fällt mir nicht immer ganz leicht, meine Gefühle ganz auszuschalten und während dieser Sommerreise nach Bulgarien tat mir Irmgard manchmal etwas leid.

Das Ganze war wahrhaftig nicht sehr amüsant für sie und sie hatte sich so sehr auf die Kreuzfahrt mit dem Segelschiff gefreut. Dabei hatte ich dies nur erfunden, um sie zu bewegen, sofort nach dem Umzug mit mir abzufahren. Ich musste einige feste Termine mit meinen Vorgesetzten einhalten. Sanchev empfiehlt mir immer, wenn Gefühle aufkommen wollen, solle ich mir vergegenwärtigen, dass Irmgard nicht als Mensch, sondern nur als Teil unserer großen und wichtigen Aufgabe gesehen werden darf.

Leicht fällt mir dies wirklich nicht, vor allem da ich schon lange nicht mehr mit Leib und Seele hinter dieser großen Aufgabe stehen kann. Ich bin Gefangener meines Engagements, zu dem ich mich als junger unreifer Mensch unter Druck verpflichtet habe. Ich hatte einfach nicht die Kraft, die sehr unangenehmen Folgen einer Ablehnung dieses zunächst so verlockend erscheinenden Angebots in Kauf zu nehmen. Statt eines privilegierten Lebens in vieler Hinsicht, auch für meine Eltern, hätte ich keinerlei Zugang zu einer guten Ausbildung gehabt. Also, keine Gefühlsduseleien, sondern vorwärts blicken und den Plan erfüllen!

Meine Vorgesetzten sind mit meiner bisherigen Arbeit sehr zufrieden und erwarten nun auch noch zusätzliche Informationen über Deutschland. Ich erhielt sogar meine erste Belobigungsurkunde.

Im Herbst soll ich mit Nadjeschda, die in Dänemark arbeitet, Kontakt aufnehmen und zwar persönlich an Ort und Stelle. Außerdem muss ich den bulgarischen Botschafter in Paris aufsuchen.

Man riet mir dringend, irgendeine Arbeit in Frankreich anzunehmen, sobald ich die Staatsangehörigkeit habe. Es ist wichtig, in das soziale Netz eingebunden zu werden.

Im September werden meine Eltern mein neues Zuhause kennen lernen. Sie wollen uns besuchen und einen Monat bleiben.

Ein kleiner Vorfall beunruhigt mich und ich hoffe, dies bedeutet nichts Schlimmes.

Gestern berichtete uns Barbara ganz aufgeregt, dass der Geheimpolizist bei ihr aufgetaucht sei und nach uns gefragt habe. Offiziell wohne ich ja dort. Nachdem sie sagte, wir seien im Augenblick nicht zu Hause, unterhielt er sich mit ihr und führte das Gespräch geschickt auf ihre Sommerferien, die sie immer in Rumänien verbringt, da sie dort Verwandte hat.

Zwei Tage später tauchte er noch einmal auf und es war eindeutig, dass er sich dieses Mal hauptsächlich für sie interessierte. Offensichtlich vermuten sie ein Netz, das sich von Rumänien nach Bulgarien spannt.

Mein Verdacht bestätigt sich. Die sind mir auf der Spur, haben nur keinerlei Handhabe, mir konkret etwas nachzuweisen.

Bei meinem täglichen Telefonkontakt mit Sanchev beruhigte er mich und versicherte, dass im Aufbau meiner Tätigkeit alles so aufgebaut sei, damit nichts aber auch gar nichts nachgewiesen werden könne.

Irmgard und Barbara haben sich sehr aufgeregt, denn als Beamtinnen dürfen sie auf keinen Fall mit dem geltenden Recht in Konflikt kommen. Die beiden sind natürlich fest davon überzeugt, dass der Polizist einer ganz falschen Fährte folgt, aber irgendwie spüren sie intuitiv etwas Ungewohntes und haben Angst, dass ihr so schön geregeltes Leben als Staatsbeamte in Gefahr sein könnte. Frauen haben ja manchmal einen sechsten Sinn.

Übrigens hatte Sanchev eine gute Idee, wie ich Thomas einwickeln könnte.

Ich soll ein angebliches Filmprojekt über ihn erarbeiten und ihn dabei in die Vorplanungen einbeziehen.

Nun, ja, versuchen kann ich es ja, aber das Dumme ist, dieser Kerl verursacht mir ein solches Unbehagen, dass es schwer sein wird, eine überzeugende Geschichte locker aufzutischen. Er hat eine Art, mich anzublicken mit seinem leicht amüsierten Lächeln, dass ich total den Boden unter den Füßen verliere. Wenn Sanchev von diesen Ängsten wüsste…

Irmgards Tagebuch 18.10.1989

Letztes Wochenende waren wir in Stuttgart, um einige Besuche zu machen und für

Boris etwas Kleidung einzukaufen.

Dabei bestand er darauf, für mich diesen traumhaften Pelzmantel zu kaufen.

Das kam so:

Wir entdeckten das Modell beim Bummeln im Schaufenster eines eleganten Pelzgeschäfts der Stuttgarter Königstraße.

Da Boris es liebt, mich beim Kleider anprobieren zu beobachten, schlug er vor, einfach zum Spaß in den Mantel zu schlüpfen, um zu sehen, wie ich darin wirkte.

Natürlich folgte ich dieser Aufforderung leicht geschmeichelt und stellte fest, dass mir dieses Kleidungsstück ausgezeichnet stand.

Der Preis war allerdings so hoch, dass an einen Kauf überhaupt nicht zu denken war.

Aber Boris redete mir zu: „Du musstest auf so vieles verzichten in letzter Zeit und wenn wir eine Ratenzahlung erreichen, dann möchte ich dir diese Freude gerne machen. Du siehst umwerfend aus in diesem Pelz. Bald werde ich Geld verdienen und dies soll mein Geschenk sein. Wagen wir es doch einfach!!"

Er hat es tatsächlich geschafft, mich zum Ratenkauf zu überreden, obwohl es ganz und gar unvernünftig und sogar unvorsichtig war. Wir bezahlten natürlich mit meinem Geld und doch

hatte ich das Gefühl, ein Geschenk von Boris erhalten zu haben.

Kehl, den 20.10.1989

Liebe Ursula,

die Ereignisse überstürzen sich, wer hätte je gedacht, dass Deutschland wieder vereint werden könnte! Und alles kam ja so überraschend!

Mich berührt diese politische Entwicklung ganz besonders, denn durch meine Ehe mit Boris bin ich ja aus nächster Nähe mit der Problematik des Eisernen Vorhangs konfrontiert gewesen. Wer hätte zum Zeitpunkt meiner Hochzeit ahnen können, dass so rasch eine Öffnung stattfinden würde.

Am 3. Oktober waren die Eltern von Boris noch bei uns und wir verfolgten gemeinsam die Ereignisse am Bildschirm. Ich hatte den Eindruck, dass die beiden zunächst nicht glauben konnten, dass das Wirklichkeit war. Vor wenigen Wochen mussten sie noch mühsam die Genehmigung zu dieser Besuchsreise beantragen und nun sollten sie in Zukunft ganz frei reisen dürfen, wenn sie das Geld dafür hatten. Unfassbar!

Der vierwöchige Besuch von Boris Eltern war für mich natürlich wieder sehr anstrengend, da wir in der Schule gleichzeitig Projektwochen organisieren mussten.

Ich mag die beiden ja sehr gerne und sie waren auch diskret und anspruchslos.

Noch nie hatten sie Gelegenheit gehabt, das Leben im kapitalistischen Westen so hautnah wahrzunehmen und was sie sahen war fast unerträglich, denn es stellte ihre ganze Lebensform und Ideologie in Bulgarien in Frage.

Immer wieder fragten sie, ob Auenheim denn wirklich ein normales Dorf sei. Natürlich sehen die Dörfer in Bulgarien ganz anders aus.

Ich glaube, sie fürchteten sich davor, allzu viele Eindrücke verkraften zu müssen und lehnten deshalb alle Vorschläge für irgendwelche Besichtigungen und Ausflüge ab. Die meiste Zeit verschanzten sie sich in unserem Schlafzimmer, das wir ihnen zur Verfügung gestellt hatten. Es war wohl wie eine schützende Bastion für sie.

Da die Mutter Erzieherin war und der Vater Kinderarzt, zeigte ich ihnen meine Schule und ein Krankenhaus von innen. Ich spürte, dass die beiden nicht fassen konnten, wie reich dies alles ausgestattet ist.

Ein weiteres Problem war das Essen.

Natürlich bemühte ich mich zunächst, meine besten, bewährten Rezepte zu kochen. Sie aßen höflich, aber ohne große Begeisterung, das spürte ich wohl. Bei meinem Nachtisch „Parfait à l’orange“, mit dem ich immer großen Erfolg habe, sagte Boris Vater: „In Bulgarien schmeckt das Eis aber ganz anders.” In der Tat, er hat recht, denn ich habe es noch gut in Erinnerung. Es schmeckte hauptsächlich nach Chemie und nicht wie bei mir nach Grand Marnier.

Durch Zufall entdeckte ich aber dann, wie ich die beiden mit dem Essen glücklich machen konnte. Als ich einmal, nach der Schule, wirklich nichts mehr vorbereiten konnte, setzte ich ihnen kurzerhand weiße Bohnen und Würstchen vor, beides aus Aldidosen. Zum ersten Mal aßen sie mit großem Appetit und lobten das gute Essen.

Eine weitere heikle Situation ergab sich, als mein Sohn Thomas zum Abendessen kommen wollte. Da ich für Boris Eltern zehn Jahre jünger bin, kann Thomas unmöglich als mein Sohn vorgestellt werden. Zum Glück spielt er gerne Theater und war deshalb sofort bereit, die Rolle meines Neffen zu spielen, damit wir auch diese schwierige Klippe umschiffen konnten.

Du siehst, liebe Ursula, das Eheglück hat seinen Preis. Aber ich wusste schon von vornherein, dass nicht alles einfach sein würde und bin fest entschlossen, die Schwierigkeiten zu meistern.

Boris geht es gesundheitlich nicht sehr gut, seit er hier ist. Zunächst waren es diffuse Magenbeschwerden, jetzt plagt ihn ein Nervenentzündung im Arm. So kann er im Augenblick nicht daran denken, ernsthaft eine Arbeit zu suchen, sonders ist ständig mit Arztbesuchen beschäftigt.

Ich hoffe, dass sich alles einpendeln wird, wenn er endlich die französische Staatsangehörigkeit bekommen hat. Damit hat er bei Bewerbungen ganz andere Chancen. Manchmal mache ich mir doch etwas Sorgen, denn ich möchte keinen Ehemann, den ich auf Dauer aushalten muss.

Besuche uns bald mal wieder, damit ich nicht immer nur bulgarische Besuche habe!

Viele liebe Grüße

Dein Irmgard

Dienstanweisung für Genossin Iva Volkova

Antragstellung auf ein Besuchsvisum für Frankreich.

Auftrag als begleitende Informantin für den Genossen Boris Vasov.

Suchen einer Stelle als Praktiktantin in einem Architekturbüro mit dem Ziel einer festen Anstellung zur Erreichung einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung.

Wöchentliche Dokumentation der Lebensumstände vom Genossen B.V.

Abreise spätestens Ende des Jahres 1989.

Boris Tagebuch 17.11.1989

Nach den jüngsten politischen Ereignissen arbeiten meine Auftraggeber im Untergrund. Die Struktur scheint aber weiterhin zu bestehen.

Offensichtlich sind sie sehr verunsichert und haben Mühe, mit der neuen Situation umzugehen. Alles scheint aus den Fugen geraten zu sein und die Zukunft ist ein Buch mit sieben Siegeln. Natürlich habe auch ich keine Ahnung, wie alles weitergehen wird.

Zunächst haben sie beschlossen, meine Kusine Iva als begleitende Informantin für mich herzuschicken. Um Irmgard einen weiteren Gast schmackhaft zu machen, musste ich kürzlich einen etwas schärferen Ton anschlagen. Sie bekommt dann sofort Angst, meine Zuneigung zu verlieren und wird wieder gefügig.

Die Besuche von Sanchev gefallen ihr zum Glück recht gut, da er sich von seiner charmantesten Seite zeigt und als angeblich berühmter Filmregisseur ihrer Eitelkeit schmeichelt.

Der einwöchige Aufenthalt von Rumen vor kurzem war ein nicht so großer Erfolg, denn sie bemerkte, dass er sich abends immer auf dem Gelände eines Gebrauchtwagenhändlers aufhielt, um Autoteile auszubauen. Die gute Irmgard! An illegale Tätigkeiten ist sie nun eben leider überhaupt nicht gewöhnt!

Mein Versuch, Thomas einzuwickeln, ging total in die Hose.

Sofort, nach meinen ersten Worten klopfte er mir ironisch auf die Schulter mit der Bemerkung: „Lass nur, diese Anstrengungen kannst du dir sparen. Vor mir brauchst du keine Angst zu haben, denn mir macht es einen Riesenspaß, dass du ein Spion bist." Dabei hatte er wieder dieses unerträgliche Lächeln.

Trotzdem schaffte ich es zu antworten: „Na, dann kann ich ja beruhigt meine Agentenarbeit weiterführen." Ich hoffe, dass mein Gesichtsausdruck dabei locker und amüsiert wirkte. Ganz sicher bin ich mir da aber nicht.

Kehl, den 10.01.1990

Liebe Ursula,

ich hoffe, du hast das neue Jahr gut begonnen beim Wintersport und bist wieder voll leistungsfähig.

Bei uns war alles etwas anders, wie du ja weißt.

Aber zunächst die gute Nachricht:

Heute flatterte uns der Bescheid ins Haus, dass Boris die französische Staatsangehörigkeit erhalten hat. So rasch hätte ich es nicht erwartet, vor allem, da die Geheimpolizei offensichtlich immer noch meint, Boris sei ein Agent und unsere Ehe nur eine Scheinehe.

Von den Besuchen des Geheimpolizisten bei Barbara habe ich dir ja erzählt.

Es ist für mich völlig undurchsichtig, wie die Behörden arbeiten. Vielleicht spielte ja auch die damalige Intervention von Frau Trautmann eine Rolle bei der so raschen Abwicklung von Boris Antrag. Wie dem auch sei, für uns ist es eine sehr große Erleichterung, denn nun kann Boris endlich ernsthaft beginnen, hier in Frankreich beruflich Fuß zu fassen.

Ich bin mehr und mehr beunruhigt, denn bisher bemühte er sich sehr wenig um eine Vollzeitarbeitsstelle. Es scheint mir, dass er vor den Zwängen einer vollen Berufstätigkeit zurückschreckt, da er dies auch noch nie kennen gelernt hat.

Vor Weihnachten war wieder Herr Sanchev da, sein ehemaliger Chef, den ich sehr schätze. Er ist gebildet und spricht fließend Französisch, so dass wir uns gut unterhalten können über die verschiedensten Themen. Das ist immer äußerst anregend für mich. Da nehme ich die Mühe mit der ewigen Kocherei gerne in Kauf.

Aber Boris widmete seine ganze Zeit natürlich wieder dem Gast und für anderes ist dann kein Platz mehr.

Dass nun aber auch noch Boris Kusine Iva auftauchte am 2.Januar, das war mir entschieden zu viel, vor allem, da sie drei Monate bleiben will.

Sie will eine Stelle als Praktikantin in einem Architekturbüro suchen und ich vermute stark, dass sie ein Hintertürchen sucht, um für immer bleiben zu können.

Ich habe erreicht, dass meine Freundin Ilse sie in Strasbourg als Untermieterin aufnimmt, sobald es mit einer Praktikantenstelle klappt. Ich kann einfach nicht mehr mit diesen ständigen Besuchen leben und Boris muss auch Zeit für sich haben.

Liebe Ursula, vielleicht kommt es von meinen Sorgen und Ängsten und den Konflikten mit Boris, dass mein schönes, blondes Haar ausfällt. Vorne habe ich schon eine ganz kahle Stelle.

Trotzdem ist es schön, mit ihm zu leben, endlich einen Menschen zu haben, der ganz zu mir gehört.

Du hast ja erlebt, wie liebevoll und aufmerksam er ist. Sicher bin ich auch zu ungeduldig, denn er braucht einfach Zeit, um sich an unsere so ganz anderen Lebensumstände zu gewöhnen.

Ganz liebe Grüße

deine Irmgard

Boris Tagebuch 4.2.1990

Ich habe mein Ziel erreicht

Rückwirkend seit dem 1.Januar bin ich französischer Staatsbürger. Wie schade, dass unser sozialistisches System zusammengebrochen ist, denn ich hätte dadurch zu den oberen Genossenen gehört. Meine Mission wurde mit Bravour ausgeführt.

Im Augenblick arbeite ich mit Sanchev nach dem alten Muster weiter, denn wir hoffen immer noch, dass die alte Garde wieder das Ruder ergreifen kann.

Es heißt jetzt also, den Plan C durchzuführen, die progressive Ablösung von Irmgard und schließlich der Ausstieg aus der Ehe.

Dies habe ich mit Sanchev zusammen in allen Einzelheiten ausgearbeitet bei seinem letzten Besuch.

Es wird nicht einfach werden, denn Irmgard ist in keiner Weise darauf vorbereitet.

Ich darf mich auf keinen Fall wieder von Gefühlen übermannen lassen, was mir sehr schwer fällt. Ich muss wirklich anerkennen, diese Frau hat bisher wie ein tapferer kleiner Soldat gekämpft. Nun werde ich mit ansehen müssen, wie sie nach und nach erkennt, dass alle Mühe vergebens war. Ihr so mühsam errichtetes Gebäude einer Zukunftshoffnung wird immer brüchiger werden und schließlich zusammenstürzen. Sie wird nicht verstehen, welchen Fehler sie gemacht hat und tief verzweifelt sein. Gerne möchte ihr sagen : Du hast nur einen einzigen Fehler gemacht, du hast mich zu sehr geliebt.

Aber ist dies ein Fehler?

Könnte ich Irmgard nicht eher beneiden dafür, dass sie bei der ganzen Geschichte authentisch leben konnte? Ich dagegen lebe wie ein zerrissener Mensch und muss liebevolle Gefühle bekämpfen und unterdrücken. Oft überkommt mich die Angst vor den psychischen Folgen einer solchen Lebensform.

Ein Zurück ist nicht mehr möglich und ich muss diesen Weg bis zum Ende gehen, so schwer es mir auch manchmal fällt.

Irmgards Tagebuch 17.8.1995

Ganz allmählich bin ich wieder fähig, über mich zu schreiben.

Ich den letzten Jahren lebte ich in einem tiefen Loch, unfähig die Ereignisse in meinem Leben in irgendeiner Weise einzuordnen.

Auch heute verstehe ich noch nicht voll und ganz, warum Boris am Ende eine totale Trennung von mir wollte.

Damals, als er nun endlich die französische Staatsbürgerschaft hatte, war ich so voll von neuer Zuversicht für unsere gemeinsame Zukunft.

Ich bewunderte ihn sehr, als er die Tätigkeit als Nachtwache in einem Altersheim annahm, um endlich einen festen Arbeitsvertrag zu haben. Er scheute sich nicht, die verschmutzten Betten von schwer pflegebedürftigen Heiminsassen zu reinigen und durch seine herzlich Art war er sehr beliebt. Wie schön war die Weihnachtsnacht, die ich dort mit ihm verbrachte, weil er Dienst hatte.

Heute muss ich mir eingestehen, dass ich es einfach nicht wahrhaben wollte, wie sich das Verhalten von Boris unmerklich veränderte. Die körperliche Intimität war schon seit einiger Zeit eingeschlafen. Er begründete es damit, dass er sich in unserer Gesellschaft nicht als vollwertiges Mitglied fühlen könne, solange er beruflich nicht seinen Qualifikationen entsprechend arbeite. Dies hätte zwangsläufig Auswirkungen auf seine Libido.

Das konnte ich verstehen und akzeptieren.

Er machte mir oft aus unerfindlichen Gründen Szenen und Vorwürfe, ließ mich bei Verbredungen eine Stunde warten und war ungeduldig und unzufrieden. Diesen Veränderungen versuchte ich mit liebevollen Aufmerksamkeiten zu begegnen. Dies schien ihn aber noch mehr zu reizen. Einmal machte er mir harsche Vorwürfe, weil ich ihn mit seinem Lieblingsgericht, einer selbstgebackenen Pizza, überraschte. Er fühle sich dadurch manipuliert, sagte er.

So war ich mehr und mehr hilflos und verzweifelt.

Boris schlug vor, dass wir in getrennten Wohnungen leben, um wieder zu einer neuen entspannteren Form unserer Paarbeziehung zu finden. Darüber war ich sehr erleichtert, denn eigentlich hatte ich das Zusammenwohnen nur akzeptiert, weil es in unserer Situation notwendig war. Der Lebensrhythmus mit den ständigen Besuchern aus Bulgarien hatte mich inzwischen total ausgelaugt.

Boris fand auch eine Wohnung in Strasbourg, die er aber nur bekam, weil ich meinen Beamtenstatus vorweisen konnte als Sicherheit.

Plötzlich wurde mir bewusst, welches finanzielle Risiko dies für mich bedeutete. Sollte Boris eines Tages wieder arbeitslos sein, so würden alle Kosten auf mich fallen.

Als ich mit ihm darüber sprach, lachte er mich aus wegen meiner mangelnden Risikobereitschaft und schlug vor, uns pro forma scheiden zu lassen, damit für mich diese Ängste aus der Welt geschafft seien. Dies würde ja nicht ausschließen, dass wir vor der Welt weiter ein Paar blieben und für uns sei es eine Beziehung ohne Belastungen. Die Scheidung würde nur auf dem Papier existieren.

Dies schien mir eine elegante, unkonventionelle Lösung zu sein. Ich muss bekennen, ich war sogar erleichtert. Boris hatte nämlich zu erkennen gegeben, dass er nur so lange arbeiten wolle, bis es möglich war, Arbeitslosengeld vom französischen Staat zu bekommen.

Und glitt ich also in meinen dritten Scheidungsprozess, ohne es eigentlich im Tiefsten zu wollen.

Sicher läuft eine Scheidung selten so reibungslos ab.

Boris hatte einen jungen Rechtsanwalt ausfindig gemacht, der die ganze Sache für einen vorher vereinbarten Minimalpreis über die Bühne brachte.

Das war möglich, da es nichts zu regeln gab außer der Auflösung der Ehe.

Beim Gerichtstermin glaubte ich fest daran, dass dies nur eine Formalität war, die an unserer Zusammengehörigkeit als Paar nichts ändern würde.

Boris gab mir aber immer wieder zu verstehen, dass dies nur notwendig sei, weil ich mit der klassischen Ehe nicht zurechtgekommen sei durch meine übertriebenen Ängste im materiellen Bereich. Er hätte von einer Paarbeziehung ganz andere Vorstellungen. Er sei aber bereit, diesen Schritt, die Scheidung, für mich zu tun. Sozusagen als Liebesbeweis.

So begann unser neuer Lebensabschnitt als (heimlich) geschiedenes Paar.

Sehr bald merkte ich, dass von Boris nie eine Initiative ausging, um Pläne für unsere gemeinsamen Stunden zu machen. Immer war ich es, die ihn anrief, um uns zu verabreden. Die Wochenenden wollten wir ursprünglich regelmäßig gemeinsam verbringen.

Es fiel mir schwer, mir ehrlich einzugestehen, dass das Zusammensein mehr und mehr unbefriedigend war, denn Boris wirkte sehr lustlos und Intimitäten ging er ganz aus dem Weg.

Oft kam er auch zu spät oder vergaß eine Verabredung ganz. Ich fühlte mich gedemütigt durch dieses Betteln um Zuwendung.

Erst heute, mit der notwendigen Distanz werde ich mir darüber klar, dass er sicher ganz bewusst, einen Ablösungsprozess stufenweise inszenierte.

In dieser schwierigen Zeit, wurde mir überraschenderweise, eine Stelle als Schulleiterin angeboten. Nie hätte ich mich selbst darum bemüht, da ich ja viel zu sehr mit meinen Beziehungsproblemen beschäftigt war.

Alles ging sehr rasch und ich musste mich innerhalb einiger Tagen entscheiden. Ich war gerührt, wie sehr sich Boris darüber freute. „Endlich hat jemand deine Fähigkeiten erkannt. Du musst unbedingt annehmen," meinte er . Und das tat ich dann auch, denn eine Bestätigung im Beruf war ein heilsamer Ausgleich für meine privaten Niederlagen.

Und dann kam dieser Samstagabend, an dem Boris unserer Beziehung den Todesstoß versetzte.

Ich hatte ihn in seiner kleinen Wohnung in Strasbourg besucht. Nach dem gewohnten recht kühlen Empfang erklärte er mir, dass er mit seiner Erziehung in einer anderen kulturellen Tradition, eine Paarbeziehung in dieser Form nicht weiter leben könne. Für ihn sei die Sehnsucht nach Familie tief verwurzelt und er wolle sich ganz von mir trennen, um frei zu sein für eine spätere neue Bindung.

Zum Glück gelang es mir, Haltung zu bewahren. Ich drückte ihm aus, dass ich dieses tiefe Bedürfnis respektieren müsse und verabschiedete mich so rasch wie möglich, um zu Hause meiner Verzweiflung freien Lauf zu lassen. Auf keinen Fall wollte ich vor ihm eine Szene machen.

Die schwerste Zeit ist nun längst vorbei.

Zum Glück hatte ich damals meine Freunde, die mich verständnisvoll unterstützten. Auch die neue Arbeitsstelle, die mich voll und ganz forderte, war eine große Hilfe.

War diese ganze Geschichte vielleicht ganz anders?

Hatte Thomas als Einziger sofort erkannt, wer Boris war?

Langsam fügen sich die Ereignisse, wie Puzzleteile zu einem Bild zusammen, das immer klarer wird.

Wie konnte ich nur so blind sein?

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